50 Jahre für Mörike und seine neuen Facetten

Marbach (dpa) Tagträumer? Wohl kaum. 29 historisch-kritische Mörike-Bände könnten bald ein neues Licht auf den schwäbischen Dichter werfen. Der letzte Schliff fehlt noch.

  • Ulrich Raulff: «Es ist geradezu ein flotter Hüpfer. Mörike rennt.». Foto: Bernd Weißbrod

    Ulrich Raulff: «Es ist geradezu ein flotter Hüpfer. Mörike rennt.». Foto: Bernd Weißbrod Foto: dpa

Als die Berliner Mauer neu war, John F. Kennedy beim Attentat starb und die Amerikaner für den ersten Mondflug trainierten, wurde in Marbach bei Stuttgart in den 1960er Jahren ein Mammutprojekt auf den Weg gebracht. Die historisch-kritische Ausgabe von Werken und Briefen Eduard Mörikes wartet seitdem auf ihre Vollendung. Klingt lang? Nicht für den Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach (DLA), Ulrich Raulff. «Es ist geradezu ein flotter Hüpfer. Mörike rennt.» Am Grimm'schen Wörterbuch etwa sei mehr als 100 Jahre gearbeitet worden, macht Raulff deutlich. Da liege Mörike mit rund 50 Jahren für 29 Bände doch ganz gut im Schnitt.

Zur Vorbereitung eines Proseminars in Köln suchte der Literaturhistoriker Hans-Henrik Krummacher Anfang der 1960er Jahre Handschriften von Eduard Mörike (1804-1875) im DLA. Damals ahnte er noch nicht, was der 81-Jährige Wahl-Mainzer heute weiß: Der in Ludwigsburg geborene Dichter sollte ihn nie wieder loslassen. Der Wissenschaftler fing an, Texte und Informationen zu sammeln. Die Idee einer Gesamtausgabe nahm Formen an.

Viele Archive haben Krummacher und seine wechselnden Kollegen durchforstet. Sie wühlten sich durch Verzeichnisse, sichteten Nachlässe, verglichen Textvarianten und deckten auch Fehler auf. Mörike wuchs und wuchs. «Wir haben mit sechs Briefbänden gerechnet - am Ende sind es zehn», sagt der Professor. Seit seiner Emeritierung steckt er seine ganze Kraft ins Mammutprojekt, denn langsam muss ein Knopf dran. Noch ein Gedichtband, zwei Bände mit Kommentierungen, zwei Bände mit Lebenszeugnissen - dann ist das Werk vollbracht.

Auf die Frage, ob er Mörike irgendwann einmal satthatte, sagt Krummacher: «Dazu sind Mörikes Gedichte zu gut.» Es habe ihm Freude bereitet, Mörikes Werke immer wieder neu zu verstehen. Der schwäbische Lyriker hatte viele Gedichte in selbstkritischer Feinarbeit mehrfach überarbeitet und geschliffen. Aus den verschiedenen Varianten erfährt der Wissenschaftler viel. «Die lange Arbeit trägt Frucht. Die Gedichtsammlung wird einen sehr anderen Zuschnitt haben als alles bisher Veröffentlichte.»

Auch Raulff spricht der Edition, die in drei bis vier Jahren abgeschlossen sein soll, «große Bedeutung» für die Wissenschaft zu. Rechnen könne sich so eine mehrbändige Ausgabe aber kaum. «Deshalb werden solche Projekte in der Regel von Institutionen getragen.» Rund eine Viertelmillion Euro habe die Edition in ihrer Hochphase pro Jahr gekostet. Bis 2007 habe es Landesmittel gegeben.

Wichtige Käufe, wie der Nachlass aus dem Archiv in Weimar, hätten dazu geführt, «dass wir heute das anerkannte Zentrum der Mörike-Forschung sind». Was Raulff an Mörike besonders beeindruckt: «Er ist einer der welt- und literaturzugewandtesten Zeitgenossen gewesen.» Von ihm aus könne man sich die gesamte Literatur seiner Zeit erschließen.

Albrecht Bergold sitzt seit 1981 mit im Boot. Eigentlich wollte er nur zwei Jahre mitmachen und dann als Lehrer arbeiten, berichtet der Marbacher Archivar. Wie so oft kam es anders. Denn: «Dann wurde es plötzlich spannend», sagt er. Die Landesgeschichte habe sich ihm durch die Arbeit an Mörikes Lebenszeugnissen ganz neu erschlossen.

Auch sein Mörike-Bild habe sich sehr verändert, berichtet der 63-Jährige. «Man stellt ihn sich als Tagträumer und Romantiker vor, aber sein Leben war gewiss kein leichtes.» Konflikte mit der kirchlichen Obrigkeit, Sorgen um die Brüder, finanzielle Schwierigkeiten und gesundheitliche Probleme hätten dem Pfarrer und Lyriker das Leben schwer gemacht. Dass ein Mensch mit diesen Problemen solche Gedichte habe verfassen können, finde er faszinierend. Aber: «Es ist mir manchmal fast ein bisschen peinlich, so tief in seine Seele einzudringen.»

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Autor
Wenke Böhm, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    1. Januar 2013, 16:17 Uhr
    Aktualisiert:
    1. Januar 2013, 16:18 Uhr
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