Schweiz lädt zum Literatur-Frühling

Locarno (dpa) Tief im Inneren des Monte Verità am Lago Maggiore soll es einen mysteriösen Magnetismus geben. Marco Solari ist sich da jedenfalls ganz sicher: «Dieses Spannungsfeld regt bei Besuchern Gedanken und Gefühle an», sagt der Präsident des Filmfestivals von Locarno.

  • Blick auf Ascona am Lago Maggiore. Foto: Ticino Turismo

    Blick auf Ascona am Lago Maggiore. Foto: Ticino Turismo Foto: dpa

«Es entsteht eine produktive Unruhe, die Ideen und Meinungsstreit fördert.» Auch deshalb sei der Hügel in Locarnos Schwesterstadt Ascona vor rund 100 Jahren zur Wiege einer - vor allem von Deutschen geprägten - Alternativkultur geworden, die später auch Hippies, Achtundsechziger, Grüne und Politpiraten beeinflusste.

Der Ruhm des kleinen Berges verband sich mit großen Namen der Literatur wie Hermann Hesse, Erich Mühsam oder Gerhart Hauptmann. Nun soll der Monte Verità eine «kulturelle Renaissance» erleben. Ab März 2013 soll er in jedem Frühjahr eine ähnliche Magnetwirkung wie das Filmfest von Locarno entfalten, bei dem sich im Sommer die dortige Piazza Grande in das möglicherweise schönste Freiluft-Kino der Welt verwandelt.

Beim Festival «Primavera Locarnese» («Locarneser Frühling») soll es auf dem Monte Verità um Literatur im weitesten Sinne gehen. Wo immer möglich in Verbindung zur Filmkunst, zum Beispiel durch die Beteiligung bedeutender Drehbuchautoren. Vor allem aber sollen vom Wahrheitshügel wieder neue künstlerische und gesellschaftliche Denkanstöße ausgehen.

Mit dem ersten «Primavera»-Kulturfest vom 21. bis 28. März 2013 hoffen Organisatoren und Sponsoren - darunter der Kanton Tessin und mehrere Unternehmen - freilich auch auf Impulse für die zu Ostern beginnende Tourismus-Saison. Wo große Künstler zu Gast waren - so die Erfahrung mit dem Filmfest -, schauen sich auch Monate nach den jeweiligen Events Besucher gern um.

Entsprechend hoch liegt die Messlatte für das Monte-Verità-Event. «Jeglicher Beigeschmack von Provinzialität soll vermieden werden», liest man im Projektentwurf. Mehrere Autoren von Rang hätten bereits zugesagt, heißt es beim Organisationskomitee. Unter ihnen Hans Magnus Enzensberger, Peter Sloterdijk und Joachim Sartorius. Die gesamte «Aufstellung» soll Ende Februar mit dem Veranstaltungsprogramm des «Locarneser Frühlings» veröffentlicht werden.

Bestechend erscheint die Idee allemal, an das legendäre Künstlerleben auf dem Wahrheitsberg anzuknüpfen. Seinen bis heute nachhallenden Ruhm erlangte er vor Beginn und während des Ersten Weltkrieges, als sich hier in großer Zahl Sinnsucher, Aussteiger und Freigeister aus vielen Teilen Europas, aber vor allem aus Deutschland, in einer lebensreformerischen Kolonie versammelten.

Als wichtigster Gründer gilt der deutsch-österreichische Dichter Gusto Gräser, ein Freund von «Steppenwolf»-Kultautor Hermann Hesse. Im Laufe weniger Jahre zog es so viele - oft ganz unterschiedliche - Persönlichkeiten auf den Hügel, dass es Programmgestaltern heute keineswegs an Anregungen fehlen dürfte: Lenin und Trotzki schauten vorbei, auch Erich Maria Remarque, Hugo Ball, Richard Strauss, Max Weber, Billy Wilder, Thomas Mann, um nur einige zu nennen.

Pazifisten machten den Wahrheitshügel zur neuen Heimat ebenso wie Anarchisten, Anhänger fernöstlicher Weisheiten, Nudisten, Freunde der freien Liebe und der vegetarischen Ernährung, Naturapostel und Utopisten aller Coleur. Es kamen auch windige Gestalten, Nassauer und Spinner. In der Summe der irgendwann in Vergessenheit geratenen Ansichten, Überzeugungen und Ideologien - so bilanzierte der Schweizer Kulturwissenschaftler Harald Szeemann Jahrzehnte später - sei der Monte Verità wohl ein «Bermuda-Dreieck des Geistes».

Doch was damals für viele eine Art gemeinsamer Nenner war, ist in Zeiten der Finanzkrise mit ihren unterschiedlichsten, teils dramatischen Folgen durchaus nachvollziehbar. Es war die Suche nach einem alternativen menschlichen Weg zwischen eiskaltem Kapitalismus und brutalem Kommunismus. Neues Denken war damals gefragt - und das ist es auch heute. Darin liegt die Chance für den «Locarneser Frühling».

Autor
Thomas Burmeister, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    2. Januar 2013, 09:30 Uhr
    Aktualisiert:
    2. Januar 2013, 09:34 Uhr
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