Daten sammeln für das Wohlbefinden: Die Welt der Self-Tracker

München (dpa/tmn) Seinen Ruhepuls hat fast jeder schon einmal gemessen. Self-Tracker gehen noch einen Schritt weiter: Mit Apps und anderen Hilfsmitteln sammeln sie Daten über ihren Körper und versuchen so, mehr über sich herauszufinden.

  • Self-Tracker können per Smartphone ihre Joggingstrecke aufzeichnen und den Kalorienverbrauch messen. Foto: Kai Remmers

    Self-Tracker können per Smartphone ihre Joggingstrecke aufzeichnen und den Kalorienverbrauch messen. Foto: Kai Remmers Foto: dpa

7361 Schritte hat Philipp Kalwies heute schon gemacht. Geschlafen hat er vrgangene Nacht nur knapp vier Stunden - aber immerhin über eine Stunde im Tiefschlaf. Warum er das alles weiß? Weil Kalwies ein Self-Tracker ist. Dieser Trend aus den USA ist inwischen auch in Deutschland angekommen. Quantified Self, kurz QS, heißt die Bewegung. Ihr Motto lautet: «Know thyself», «Kenne dich selbst». Die Anhänger vermessen ihren Körper jeden Tag und versuchen so zum Beispiel herauszufinden, unter welchen Bedingungen sie am besten schlafen oder am effektivsten arbeiten.

Die Webseite «Quantified Self» listet inzwischen über 500 Programme und Apps auf, mit denen verschiedene Lebensbereiche erfasst werden können. Ihren Ursprung hat die Bewegung in San Francisco. Hier gründeten Gary Wolf und Kevin Kelly 2007 die Webseite der Bewegung, ein Jahr später trafen sie sich erstmals mit Gleichgesinnten. Heute gibt es in mehr als 20 Ländern Quantified-Self-Gruppen, die regelmäßige Treffen veranstalten.

«Bei diesen Meetups berichten Self-Tracker von ihren eigenen Erfahrungen. Außerdem haben Unternehmen die Möglichkeit, neue Produktideen vorzustellen und sich Feedback von den Nutzern zu holen», erzählt Florian Schumacher aus München. Er vertritt das Netzwerk in Deutschland und schreibt auf «igrowdigital» über seine Erfahrungen. Außerdem organisiert er die Treffen der QS-Bewegung in Deutschland, die in Berlin und München stattfinden. Gruppen gibt es außerdem in Hamburg, Köln und Stuttgart.

Philipp Kalwies ist ein Self-Tracker aus Hamburg. Er ist ein leidenschaftlicher Datensammler und lebt nach dem Motto: «What gets measured, gets improved» - «Was gemessen wird, wird verbessert». Er lebe dadurch bewusster, sagt der 30-Jährige. Gewicht, Körperfettanteil, Schlaf, Blutzucker - die neue Technik macht es immer einfacher, Daten zu messen und zu dokumentieren.

Seinen Schlaf misst der Self-Tracker zum Beispiel mit dem Zeo Sleep Manager. «Dieses Tool misst die Schlafqualität und zeigt, wie häufig und wann der Schlaf unterbrochen worden ist und wie lange die Tiefschlafphase gedauert hat», erzählt Kalwies. Dafür kommt ein Stirnband mit Sensoren und eine iOS-App zum Einsatz, die Kombination aus beidem ist mit Preisen ab 99 US-Dollar (etwa 77 Euro) allerdings nicht ganz günstig.

Außerdem nutzt Kalwies eine WLAN-Waage mit dazugehöriger App, um sein Gewicht und den Körperfettanteil zu messen. Die Daten werden automatisch zum Computer oder Smartphone übertragen. Eine weitere beliebte App ist das kostenlose Programm RunKeeper. Das Tool misst beim Joggen, wie schnell der Nutzer welche Strecke läuft und wie viele Kalorien er dabei verbraucht.

In der Onlineplattform «myVitali» können die Daten, die der Self-Tracker mit technischen Hilfsmitteln wie Pulsuhren, Blutdruckmesser, Apps und Blutzuckermessgeräten misst, schließlich gesammelt werden. Die Anmeldung ist kostenlos.

Bei der Datensammelei müssen angehende Self-Tracker zwischen echten Gesundheits-Apps und Lifestyle-Programmen unterscheiden. Wenn eine App der Erkennung, Verhütung oder Überwachung einer Krankheit dient, ist sie rechtlich gesehen eigentlich ein Medizinprodukt, erklärt Beatrix Reiß vom Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG). Sie erhält ein CE-Kennzeichen, muss dafür aber ein strenges Bewertungsverfahren durchlaufen.

«Die Hersteller entscheiden nicht selbst über die Zweckbestimmung», erklärt Reiß. Und längst nicht alle legen Wert darauf, ihre App als medizinisches Produkt einzustufen. Erstens umgehen sie so die aufwendige Prüfung, zweitens haften sie nicht für eventuelle Schäden. Den Nachteil hat der Nutzer: Ist eine App offiziell kein medizinisches Produkt, ist er schlechter vor falschen Informationen aus den Auswertungen der Apps geschützt.

Unabhängig von der Einstufung einer App ist es sinnvoll, den Anbietern nicht blind zu vertrauen: «Daten sind die Währung des Social Web», warnt Reiß. «Nutzer sollten gerade mit der Herausgabe gesundheitlicher Daten vorsichtig sein und aufpassen, was die Hersteller damit machen.» Die Grundidee des Self-Trackings sieht das ZTG aber positiv: «Die Apps geben den Menschen die Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen und sich spielerisch zu motivieren, ein gesetztes Ziel zu erreichen», erläutert Reiß. Die Sammelei sollte aber Grenzen haben, findet sie: «Die Gefahr besteht, dass ein Self-Tracker sich nur noch über Zahlen definiert.»

Andererseits können Self-Tracker ihren Ärzten die Arbeit erleichtern. Christiane Blass, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ermutigt ihre Patienten zum Beispiel oft dazu, Daten zu messen. «Wir besprechen diese dann gemeinsam. Dadurch wird eine individuelle Therapie und Behandlung möglich.»

Autor
Maria Altepost, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    25. Dezember 2012, 10:21 Uhr
    Aktualisiert:
    25. Dezember 2012, 10:23 Uhr
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