Im Wohnzimmer ein Streichelzoo: Tiere horten ist eine Krankheit

Bonn (dpa/tmn) Die Katzen nehmen mehr Raum ein als eine Kleinfamilie: Wenn Menschen Tiere in Massen auf viel zu engem Raum halten, ist von «Animal Hoarding» die Rede. Den Betroffenen zu helfen, ist schwierig - aber nicht aussichtslos.

  • Bei «Animal Hoarding» werden viele Tiere auf engem Raum gehalten - wie diese Wellensittiche, von denen der Halter 500 Stück in seiner Wohnung hatte. Foto: Carmen Jaspersen

    Bei «Animal Hoarding» werden viele Tiere auf engem Raum gehalten - wie diese Wellensittiche, von denen der Halter 500 Stück in seiner Wohnung hatte. Foto: Carmen Jaspersen Foto: dpa

Irgendwann scheint die Frau einfach den Überblick über ihre Tiere verloren zu haben. Mit mehr als 20 Katzen lebte sie in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Taunus. Sauber machte sie schon lange nicht mehr - auf dem Boden und den Möbeln lag überall Müll und Kot, es stank nach Urin und vergammeltem Futter. Das war das Bild, das sich den Tierschützern bot, als sie die völlig abgemagerten Katzen im Auftrag des Veterinäramtes abholten. Der Vermieter hatte das Amt über die schlimmen Zustände informiert. «Animal Hoarding» («Tiere horten») heißt dieses krankhafte Sammeln von Tieren. Dabei halten Menschen Haustiere in Massen, können sie aber nicht ausreichend versorgen.

«Die betroffenen Menschen merken gar nicht, was mit ihnen los ist», sagt Hans Onno Röttgers, leitender Psychologe des Universitätsklinikums in Marburg. Sie würden die Situation bagatellisieren und seien der Meinung, die Tiere hätten es gut bei ihnen. Ähnlich wie Alkoholiker glauben sie, alles im Griff zu haben. Von «Animal Hoarding» ist die Rede, wenn weder Raum noch Zeit für so viele Tiere ausreichen und der Halter dies nicht einsieht. Zu den Folgen der Tierhaltung im Übermaß gehört oft eine katastrophale Hygiene. Es mangelt an Futter, Wasser, Pflege und tierärztlicher Betreuung. Auch der psychisch kranke Mensch verwahrlost meist.

«Das Elend der Tiere, die bei einem Tiersammler leben, ist unbeschreiblich groß», sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes in Bonn. Die Behörden würden oft nicht nur verwahrloste und kranke, sondern auch tote Tiere finden.

Die Tiersammler leben oft sehr zurückgezogen. Häufig sind es Nachbarn, denen die Angelegenheit komisch vorkommt. Der Psychologe Röttgers empfiehlt deshalb, vorsichtig Kontakt mit den Betroffenen aufzunehmen - zum Beispiel beim Gassi gehen. Das heikle Thema sollte nicht sofort zur Sprache kommen. Denn dann würde der Tiersammler wahrscheinlich sofort abblocken.

Erst wenn man das Gefühl habe, einen Zugang zu dem anderen zu haben, könne man das «Animal Hoarding» behutsam ansprechen. Zum Beispiel mit einem Satz wie «Ich habe den Eindruck, dass diese Tierhaltung nicht richtig ist». Auf keinen Fall sollte gedroht werden. Das erzeugt beim anderen nur Angst und Aggression, gesprächsbereit ist er dann nicht mehr. «Das Thema trifft einen Tabu-Bereich, bei dem einem oft die Worte fehlen», warnt Röttgers.

Doch wenn die richtigen Worte gefunden werden und sich der Betroffene noch im Frühstadium seiner Sammelwut befindet, kann ein solches Gespräch durchaus erfolgreich sein. Blockt er ab oder sind die Tiere bereits in einem schlechten Zustand, sollte sich der Zeuge des Geschehens an das Veterinäramt wenden.

«Zunächst erfolgt dann eine Kontrolle», erklärt Michael Jenisch vom Ordnungsamt in Frankfurt. Dort werden jährlich etwa drei bis vier Fälle des «Animal Hoarding» bearbeitet. Die Mitarbeiter des Veterinäramtes haben dann mehrere Möglichkeiten: Sie können es zunächst bei einem Gespräch belassen, aber auch ein Bußgeld oder Auflagen verhängen - zum Beispiel Tiere abzugeben, sie vom Tierarzt behandeln zu lassen oder auch einfach nur die Wohnung zu putzen. Nur im äußersten Fall nehmen sie alle Tiere weg.

Denn letzteres ist kein Allheilmittel, weiteres Tierleid ist oft programmiert. «In vielen Fällen ist das keine Lösung, weil die Rückfallquote sehr hoch ist», weiß Jenisch. Die betroffenen Menschen holen sich dann andere Tiere. Manche ziehen weg - damit ist das bisherige Veterinäramt nicht mehr zuständig und das Dilemma fängt an einem anderen Ort wieder von vorne an.

Am häufigsten werden Hunde und Katzen krankhaft gesammelt. «Frauen sammeln häufiger als Männer», sagt Tina Susanne Sperlin, die zu dem Thema eine Doktorarbeit an der Tierärztlichen Hochschule Hannover verfasst hast. Die Betroffenen kommen aus allen Bildungsschichten, viele von ihnen arbeiten nicht oder nicht mehr.

Ursachen für das «Animal Hoarding» gibt es viele: Dazu gehören Bindungsstörungen, Zwangskrankheiten, Demenz oder wahnhafte Störungen, erläutert Psychologe Hans Röttgers. Geheilt werden können die Tiersammler meist nur mit einer Psychotherapie.

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Autor
Sabine Maurer, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    21. November 2012, 10:28 Uhr
    Aktualisiert:
    21. November 2012, 10:33 Uhr