Schlechte Laune ist eine gute Sache - Sie zeigt Bedürfnisse auf

Hamburg (dpa/tmn) Den Kollegen anranzen, beim Einkaufen unfreundlich sein, wie besessen aufs Gaspedal treten. Schlechte Laune kann viele Gestalten annehmen. Häufig lohnt es sich, dieser Stimmung auf den Grund zu gehen. Dahinter kann Veränderungsbedarf stecken.

  • Hinter schlechter Laune kann eine Kränkung oder Unzufriedenheit stecken - wer das erkannt hat, ist einen großen Schritt weiter. Foto: Karolina Rezac

    Hinter schlechter Laune kann eine Kränkung oder Unzufriedenheit stecken - wer das erkannt hat, ist einen großen Schritt weiter. Foto: Karolina Rezac Foto: dpa

Die miese Stimmung rauslassen. Sich mal richtig gehen lassen. Dem anderen deutlich die Meinung sagen - Gedanken wie diese hat jeder Mensch mal. Doch die meisten reißen sich zusammen, beißen auf die Zähne und machen weiter wie bisher. Sie fragen sich nicht, warum sie schlecht gelaunt sind. Dabei wäre das durchaus sinnvoll. Denn wer solchen Gefühlen auf den Grund geht, kann etwas über sich und andere lernen - und womöglich sein Leben verbessern.

Niemand kann permanent gut drauf sein. Es gebe viele gute Gründe, sich schlecht zu fühlen, sagt Thomas Prünte, der ein Buch mit dem Titel «Vom Sinn schlechter Laune» geschrieben hat. Dazu gehören zum Beispiel der Verlust eines geliebten Menschen, eine Kränkung, Ausgrenzung oder Unzufriedenheit. Aber auch Grenzen, die andere in Bezug auf einen selbst überschritten haben, oder eine Arbeit, die der eigenen Persönlichkeit nicht entspricht, können die Ursache sein.

«Schlechte Laune ist wie ein rotes Lämpchen beim Auto», stellt der Diplom-Psychologe aus Hamburg fest. «Ganz platt gesagt: Soll- und Ist-Zustand stimmen nicht überein, wenn man schlecht gelaunt ist.» Das rote Lämpchen signalisiere: «Halt mal inne. Begib dich auf Spurensuche. Gibt es etwas, wo du dich zum Beispiel übergangen gefühlt hast?» Sinnvoll sei, seiner Umgebung dann deutlich zu sagen: «Ich bin nicht gut drauf, lass mich einfach in Ruhe, ich weiß selbst noch nicht genau, woran es liegt.» So wissen andere Menschen, wie sie mit einem übellaunigen Gegenüber umgehen sollen, und nerven nicht aus Versehen noch mehr.

Wichtig ist in jedem Fall, seine schlechte Laune selbst wahr- und dann auch ernst zu nehmen. «Das kann einem keiner abnehmen», sagt Prünte. Er rät zu dem Versuch, möglichst konkret den Grund für die miese Stimmung zu formulieren - nach dem Motto: «Ich fühle mich schlecht, weil...» oder «Was mir jetzt fehlt, ist...». Meist gehe es um Grundbedürfnisse wie Anerkennung, Zuneigung oder Geborgenheit.

Eine solche Herangehensweise empfiehlt auch Kerstin Reviol, Fachliche Leiterin der Arbeits- und Organisationspsychologie beim TÜV Süd. «Ich sollte mich fragen, was für Gedanken mir im Kopf herumgehen.» Wer die Ursache für seine schlechte Laune erkannt hat, ist einen großen Schritt weiter: «Wenn ein Problem ein Etikett, eine Überschrift hat, entlastet das ganz oft», sagt die psychologische Psychotherapeutin. «Man kann es jetzt bearbeiten und sich Lösungsoptionen überlegen.»

Das könnte zum Beispiel so aussehen: Was für ein Tag steht mir bevor? Habe ich keine Lust auf die Aufgabe, die ich heute erledigen muss? Oder habe ich grundsätzlich keine Lust auf meine Arbeit? Im ersten Fall helfe es, das Unangenehme direkt zu erledigen, dann stellt sich laut Reviol gute Laune von selbst ein. Im zweiten Fall könnte es sinnvoll sein, mit einem guten Freund, dem Partner oder auch einem Coach zu analysieren, was einen zum Beispiel im Job nicht motiviert und dann - auch mit Hilfe von außen - einen Ausweg zu finden.

Unbedingt genauer mit seiner schlechten Laune befassen sollte sich Reviols Ansicht nach derjenige, dessen Stimmung die «normale emotionale Flexibilität» überschreitet. Das heißt: Ist jemand jeden zweiten bis dritten Tag über mehrere Stunden schlecht gelaunt, könnte mehr dahinterstecken. «Wenn man sich selbst nicht mehr erklären kann, warum man so gelaunt ist und es ein paar Tage andauert, sollte man mal seinen Hausarzt fragen», rät Prof. Frank Schneider, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Aachen.

Aber selbst wenn es auf Außenstehende manchmal so wirkt: Eine Krankheit ist schlechte Laune nicht. «Und sie ist auch nur selten ein Symptom», betont Schneider. Vielfach habe schlechte Laune, Unwirsch-Sein und Reizbarkeit schlicht mit Stress und Überforderung zu tun. «Jeder ist mal schlecht gelaunt, weil er schlecht geschlafen hat, zu viel Alkohol getrunken hat oder nicht alles nach Schema F geht», nennt der Mediziner Beispiele. Psychologe Prünte sieht in schlechter Laune sogar fast eine Burnout-Prophylaxe: Sie könne einem Menschen helfen zu begreifen, dass er seine Grenzen überschritten hat.

Ein Krankheitszeichen ist Übellaunigkeit allerdings bei der Demenzerkrankung Morbus Pick. Diese führt zu Veränderungen im vorderen und seitlichen Teil des Stirnhirns, also dem Bereich, der unter anderem für die Verhaltenssteuerung zuständig ist. «Wenn dort eine Demenz auftritt, gehört Reizbarkeit als erstes Symptom dazu», sagt Schneider. Auch Menschen mit einer sogenannten querulatorischen Persönlichkeitsstörung oder einer Manie seien extrem reizbar - und wirken damit schlecht gelaunt auf ihre Umwelt.

Unerfüllte Erwartungen, Ziele und Wünsche spielen oft eine Rolle bei schlechter Laune: Der Nachbar fährt ein schöneres Auto, der Kollege wird vom Chef bevorzugt. Mit einem einfachen Gegenmittel lässt sich der miesen Stimmung aus dem Weg gehen. «Fragen Sie sich: Welche Probleme habe ich nicht? Krankheit und Krieg etwa», rät Kerstin Reviol, Fachliche Leiterin der Arbeits- und Organisationspsychologie beim TÜV Süd. «Und fragen Sie sich: Welchen Preis hat der andere bezahlt für das, was ich nicht habe? Zum Beispiel zig Überstunden? Bin ich bereit, diesen Preis selbst dafür zu zahlen?»

Meist laute die Antwort dann nein. Und wer sich in seinen eigenen vier Wänden bewusst umschaut, stelle oft fest, dass sich dort eine Masse erfüllter Wünsche findet - eine Lampe, die er sich mal gegönnt hat oder Ähnliches. Reviol empfiehlt daher, gezielt auf das zu schauen, das im eigenen Leben gut läuft und Kleinigkeiten bewusst zu genießen.

Autor
Nina C. Zimmermann, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    26. Dezember 2012, 09:27 Uhr
    Aktualisiert:
    26. Dezember 2012, 09:29 Uhr
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