Verschnarcht und verfressen - Siebenschläfer

Wiesbaden (dpa/tmn) Mit Hyperaktivität haben Siebenschläfer so viel zu tun wie Eisbären mit der Sahara. Denn die Nager verschlafen zwei Drittel ihres Lebens. Und sind sie wach, dreht sich bei ihnen alles nur ums Fressen. Philipp und Philippine sind der beste Beweis.

  • Da und gleich wieder weg: Siebenschläfer sind oft nur vier Monate wach, bevor sie sich wieder zum Winterschlaf zusammenrollen. Foto: Ronald Wittek

    Da und gleich wieder weg: Siebenschläfer sind oft nur vier Monate wach, bevor sie sich wieder zum Winterschlaf zusammenrollen. Foto: Ronald Wittek

Philipp und Philippine sind extreme Langschläfer: Neun Monate lang haben sie die Augen nicht aufgemacht. «Dieses Jahr haben sie länger geschlafen, weil es so kalt war», erzählt Rudolf Driess. Er kümmert sich seit 20 Jahren um die Leichtweißhöhle im Stadtwald von Wiesbaden - dort leben die beiden Siebenschläfer Philipp und Philippine gemeinsam mit ihrem Nachwuchs. Anders als ihr Name vermuten lässt, verbringen auch andere Siebenschläfer mehr als sieben Monate im Reich der Träume.

Die beiden Nager und ihr Sohn Elvis sind erst im Juni wieder aufgewacht. Seitdem haben sie sich einen dicken Wanst für den nächsten Winterschlaf angefressen, der von September an beginnt. Dabei verdoppeln sie ihr Gewicht auf etwa 200 Gramm. «Das geht bei ihnen ganz flott», sagt die Zoologin Joanna Fietz von der Universität Ulm.

Am liebsten leben die Tiere, die sehr weit springen und selbst an glatten Wänden hochklettern können, in einem alten Mischwald mit Buchen, Eichen und vielen Naturhöhlen. Mittlerweile sitzen sie immer mehr in Nistkästen, dort verbringen sie im Sommer zwischen vier Uhr morgens und neun Uhr abends ihre Zeit - gerne auch schlafend. Nachts werden sie munter, dann futtern sie Obst und Bucheckern.

Im September machen sie sich auf die Suche nach einem Quartier für den Winterschlaf, am liebsten einen Meter tief im Boden zwischen Wurzeln. Sie bauen sich ein Nest aus Moos, kuscheln sich dicht aneinander und decken sich mit ihren buschigen Schwänzen zu. Diese Tiere sehen ein bisschen aus wie kleine Eichhörnchen, allerdings haben sie oben schwarzes Fell und an der Bauchseite weiße Haare. Ihre Ohren sind fast nackt und die Augen tiefschwarz.

Heikel wird es für die Siebenschläfer, wenn beispielsweise ein Sturm ihr Winterquartier zerstört. Nur wenn die Nager viel Glück haben, finden sie sofort ein neues Quartier, um weiterschlafen zu können. Die meisten erfrieren jedoch oder verhungern.

Denn auf plötzliche Aktivität im Herbst oder Winter ist der Körper des Siebenschläfers nicht eingestellt. «Sie senken ihre Temperatur bis auf ein Grad ab», sagt Jörg Beckmann, Inspektor im Opel-Zoo in Kronberg im Taunus. Etwa im Mai wachen die kleinen Tiere mit dem langen Schwanz wieder auf, kurze Zeit später wird für Nachwuchs gesorgt. Nach etwa einem Monat kommen vier bis sieben Jungtiere zur Welt, sie werden nackt und blind geboren.

«Bei uns wurden letzten Sommer sechs Siebenschläfer-Findelkinder aufgepäppelt», sagt Beckmann. Die etwa vier Wochen alten Waisentiere waren gefunden und in dem Zoo abgegeben worden. Eine Tierpflegerin gab ihnen alle paar Stunden eine Flasche mit spezieller Aufzuchtmilch - schnell wurden die Siebenschläfer munter. Mittlerweile sind sie in den benachbarten Wäldern ausgewildert worden.

Das ist auch in freier Natur nicht anders. Die Eltern werfen die Jungen aus dem Nest, damit sie auf eigenen Pfoten stehen. In dieser Zeit sterben vermutlich viele der unvorsichtigen jungen Siebenschläfer, denn sie stehen auf dem Speiseplan von Tieren wie Marder oder Eule. Ganz sicher ist dies jedoch nicht, das Leben der kleinen, scheuen Nager ist noch nicht gut erforscht.

Mit dem Siebenschläfertag am 27. Juni haben die Nager im Übrigen nichts zu tun. Nach einer Bauernregel bestimmt das Wetter an diesem Tag über Sonne, Wolken und Regen für die nächsten sieben Wochen.

Fest steht, dass die Kletterkünstler bis zu neun Jahre alt werden können. «Das ist verhältnismäßig alt», sagt Beckmann. Um die nachtaktiven und scheuen Tiere zu sehen, brauchen Menschen viel Glück. Zu den Ausnahmen gehört Rudolf Driess, der in der Höhle im Stadtwald schon Generationen von Siebenschläfern hat heranwachsen sehen. Anfangs sind die Tierchen mit dem buschigen Schwanz immer weggehuscht. Er brachte ihnen regelmäßig einen Apfel oder eine Erdbeere mit, mittlerweile sind sie zutraulicher geworden.

Manchmal bleiben sie sogar, wenn Driess Kinder zu Führungen mit in die Höhle nimmt. «Für die Kinder ist das eine Sensation. Sie sagen, dass die Siebenschläfer so liebe Augen haben.»

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Autor
Sabine Maurer, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    11. Oktober 2012, 10:28 Uhr
    Aktualisiert:
    11. Oktober 2012, 10:28 Uhr
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