Medienhaus Lensing
03.01.2013 17:26 Uhr
Schriftgröße: A A A

Ungeliebtes Turbo-Abitur: Rolle rückwärts zu G9

Berlin (dpa) Immer mehr West-Bundesländer schaffen die Wahlmöglichkeit, das Abitur auch wieder nach 13 Schuljahren abzulegen. Das überhastet eingeführte Turbo-Abi nach zwölf Jahren kommt bei vielen Eltern einfach nicht an.Von Karl-Heinz Reith, dpa

«
1/1
»

Schüler bei der Abi-Prüfung: Das Turbo-Abitur sollte die langen deutschen Ausbildungszeiten verkürze. Die Eltern hat das System nicht überzeugt. Foto: Frank Rumpenhorst/Archiv (Foto: dpa)

Es sind nicht nur die vielen Meinungsumfragen, in denen Eltern dem ungeliebten Turbo-Abitur oder dem gymnasialen «G8-Modell» schlechte Noten ausstellen. Es ist bereits eine Abstimmung mit den Füßen - zumindest in den West-Bundesländern, in denen Eltern für ihre Kinder mittlerweile wieder zwischen dem Abitur nach 12 oder 13 Schuljahren wählen können. Der Trend im Westen, so sagen Schulforscher übereinstimmend, geht wieder zurück in Richtung klassisches Abitur nach längerer Schulzeit.

In Niedersachsen und Bremen gibt es allerdings zur Zeit keine Tendenz, irgendetwas zu ändern. In Niedersachsen könnte das allerdings nach der Landtagswahl am 20. Januar anders werden. Dann nämlich, wenn es zu einer Rot/Grünen-Landesregierung käme. Denn SPD und Grüne, aber auch Linke und Piraten wollen das Abi nach 13 Jahren zurückhaben. Wer die Reifeprüfung schon nach 12 Jahren ablegen will, soll aber die Möglichkeit dazu auf dem Gymnasium bekommen. CDU und FDP bleiben dabei, dass 12 Schuljahre ausreichen.

In Bremen gibt es seit 2012 die Möglichkeit, zwischen 12 und 13 Jahren zu wählen. An den Oberschulen wird nach 13 und an den Gymnasien nach 12 Jahren das Abitur abgelegt. Es gebe derzeit überhaupt keine Tendenzen oder Überlegungen, in Bezug auf das Abitur etwas zu ändern, sagte eine Sprecherin des Senats.

In Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen laufen die an einigen Gymnasien zunächst testweise wieder eingeführten G9-Modellzüge über. Auf Anhieb hätte man gleich die doppelte Zahl genehmigen können. In Hessen gibt es vom nächsten Schuljahr an Wahlfreiheit für Schulen und Eltern. In Schleswig-Holstein ist das Abitur an einzelnen Gymnasien schon längst wieder auch nach 13 Jahren möglich. Bayern plant ein «Flexibilisierungsjahr» - um angesichts der Elternrufe nach Rückkehr zur alten Schulzeit «ein wenig Dampf aus dem Kessel zu nehmen». An den Berliner Gymnasien mit Turbo-Abi gab es im vergangenen Jahr erstmals mehr freie Plätze als an den integrierten Schulformen - wo die Reifeprüfung unverändert erst nach 13 Schuljahren abgelegt wird.

Ende 2001 hatte die erste PISA-Studie die Öffentlichkeit mit der Botschaft alarmiert, dass 15-Jährige in Deutschland mit ihren Schulleistungen im weltweiten Vergleich allenfalls Mittelmaß sind. Der Schock war noch nicht verhallt, da verabredeten die Ministerpräsidenten in abendlicher Runde, die Schulzeit bis zum Abitur bundesweit auf 12 Jahre zu verkürzen - wie es in der DDR vor der deutschen Einheit auch schon üblich war.

Die überraschten West-Kultusminister mussten sich eilig daran setzen, die Weisung ihrer Regierungschefs umzusetzen. «Welch ein absurder Beschluss, auf festgestellte Leistungsschwächen in der Mittelstufe mit einer Schulzeitverkürzung bis zum Abitur zu reagieren», kritisierte damals der Bildungsforscher Klaus Klemm.

Doch statt die Unterrichtsinhalte zu überprüfen und das Volumen zu reduzieren, wurde vielerorts die von der Kultusministerkonferenz vorgegebene Pflichtzahl von 265 Lehrplanstunden bis zum Abitur einfach von neun auf acht Jahre übertragen. Besonders in der kritischen Mittelstufe, wenn Jugendliche mit der Pubertät zu kämpfen haben, kommt es nunmehr zu einer zusätzlichen Stofffülle, zu Nachmittagsunterricht sowie zu Sieben- bis Acht-Stunden-Tagen. Die meisten Gymnasien haben dafür aber viel zu wenig Klassenräume - geschweige denn eine Cafeteria oder gar Mensa.

Die Folgen: Stress und Unmut bei den Eltern, zusätzliche Kosten für Nachhilfe. Außerschulische Aktivitäten bleiben auf der Strecke. Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum klagen, dass ihre Kinder kaum noch Zeit für Tennis, Musikunterricht, Theaterspiel oder Sport haben. Der Schulforscher Klaus-Jürgen Tillmann: «Wir wissen aus unserer jüngsten Emnid-Umfrage, dass knapp 80 Prozent der Eltern im Westen und rund 50 Prozent im Osten eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Schuljahren wünschen.»

Die Schulzeitverkürzung führt dazu, dass heute bisweilen gerade erst 17-jährige Abiturienten an die Uni-Türen klopfen. Zur Einschreibung brauchen sie noch die Unterschrift der Eltern, wie auch für den Mietvertrag im Studentenwohnheim. In Baden-Württemberg und auch anderswo bieten einzelne Universitäten für die jungen Studienanfänger zusätzliche Kurse, Vorsemester oder einjährige Propädeutika an, um das fehlende Schuljahr wieder zu kompensieren.

Die Rufe der Wirtschaft nach immer jüngeren Abiturienten und Schulabgängern verfangen bei den meisten Eltern nicht. In Bayern zum Beispiel lassen immer mehr Familien nach Beobachtungen der GEW ihre Kinder bereits bei der Grundschuleinschulung mit Hilfe ärztlicher Atteste noch ein Jahr zurückstellen, «um ihnen noch ein wenig Schonraum zu bieten». In Nordrhein-Westfalen wie in Bayern mussten laut dem jüngsten Bund-Länder-Bildungsbericht vorbereitete Erlasse für eine noch frühere Einschulung wieder zurückgezogen werden. Befürchtet wurde noch mehr Widerstand der Eltern.

Bayerns Ex-Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) war nie ein Freund des Turbo-Abiturs. Spricht man ihn auf die Entwicklung heute an, dann lacht er. «Reife» - so urteilt er weise - «hat nicht nur beim Wein auch etwas mit dem Alter zu tun».

Weitere Themen
Auf manchen Büroschreibtischen herrscht ein ganz schönes Durcheinander. Doch Arbeitnehmer sollten vorsichtig sein. So ein Chaos kann schnell zum Karriereknick werden.

Aufräum-Tipps

Ordnung auf dem Schreibtisch

Aktenberge und Notizzettel-Meere: Wie man das Chaos in den Griff kriegt.  mehr...

Bei vielen Unternehmen wird Heimarbeit bereits seit vielen Jahren angeboten. Auch Experten bewerten die Heimarbeit positiv und als Gewinn für beide Seiten.

Strukturiert arbeiten

So klappt's mit dem Home Office

Mit klaren Regeln erfolgreich zu Hause arbeiten: So geht's.  mehr...

Gerade für Studienanfänger ist der Start ins neue Semester nicht immer leicht zu durchblicken.

Tipps

Wegweiser durchs Studium

Wie man stressfrei durchs Semester kommt, günstig wohnt, vom Lernen entspannt.  mehr...

Schon peinlich, wenn man am Schreibtisch einfach wegratzt. Also gehen Sie lieber früher von der Party und schnell ins Bett. Es sei denn, Sie möchten sich gerne von Ihrem Chef wecken lassen.

Etikette

Der Knigge fürs Büro

Richtig benehmen: So punkten Sie bei Vorgesetzten und Kollegen.  mehr...

Es gibt nur wenig Frauen in Führungspositionen. Diejenigen, die aufsteigen wollen, sollten nicht nur auf Fleiß setzen. (Bild: Tobias Kleinschmidt/dpa)

Berufs-Ratgeber

Fünf Karriere-Tipps für Frauen

Auf dem Weg zum Erfolg: Diese Tipps sollte frau im Hinterkopf haben.  mehr...

Zwischendurch aufstehen und sich dehnen: Wer im Büro regelmäßig Übungen macht, beugt Rückenschmerzen vor. (Bild: Sven Appel/dpa/tmn)

Locker im Büro

Übungen gegen Rückenschmerzen

Zum Nachmachen: Das hilft gegen Verspannungen und Schmerzen.  mehr...

Angehende Maler beim Üben: Wer einen Ausbildungsplatz sucht, hat zurzeit gute Chancen. (Bild: dpa)

Chancen für Azubis

Stellensuche leicht gemacht

Worauf Arbeitgeber bei der Auswahl junger Bewerber wirklich Wert legen.  mehr...

Befördert! Die Karriere fällt allerdings niemandem in den Schoß - Experten raten zu einer Strategie.

Karriere-Tipps

So klappt der Einstieg in den Beruf

So punkten Berufseinsteiger bei den neuen Kollegen und beim Chef.  mehr...

Verschenken Sie Wissen an Ihre Azubis. Jetzt anmelden und mitmachen bei unserer Aktion!

Projekt unserer Zeitung

Wir machen Ihre Azubis fit!

Täglich gibt's unsere Zeitung im Abo, dazu Seminare und ein Wissensquiz.  mehr...

Interview-Serie

Ein Gespräch in der Chefetage

Wir fühlen Top-Managern aus der deutschen Wirtschaft auf den Zahn.  mehr...

Übersicht

Stellenmarkt

Den richtigen Job finden, der passt. Aktuelle Stellenangebote und Ausbildungsangebote - jetzt online. mehr...

Meistgelesen | Beruf & Bildung
1

Psychische Probleme von Mitarbeitern rechtzeitig ansprechen

Psychische Probleme im Job: Viele Vorgesetzte greifen erst ein, wenn der Mitarbeiter im arbeitsunfähig ist. Foto: Marion Gröning

Aachen (dpa/tmn) Ständige Gereiztheit, Wutausbrüche oder plötzlicher Rückzug von den Kollegen: Drohen Mitarbeiter psychisch zu erkranken - und etwa ein Burnout zu bekommen - gibt es dafür häufig Anzeichen. Doch viele Chefs ignorieren erste Warnzeichen. mehr...

2

Wie werde ich...? Lebensmittelkontrolleur

Alles frisch? Bei der Kontrolle von Lebensmitteln müssen die Prüfer genau hingucken. (Bild: Jaspersen/dpa/tmn)

Drolshagen (dpa/tmn) Radioaktiv verseuchter Fisch, Dioxin in Eiern oder Gammelfleisch im Döner - die Angst vor solchen Dingen kann einem schnell den Appetit verderben. Um Verbraucher zu schützen, sind Lebensmittelkontrolleure bundesweit im Einsatz. mehr...

3

Arbeitnehmer trägt bei Mobbing die Beweislast

Wollen Arbeitnehmer wegen Mobbings Schmerzensgeld einklagen, müssen sie ihre Vorwürfe beweisen. Foto: Jens Schierenbeck

Mainz (dpa/tmn) Wollen Arbeitnehmer vor Gericht wegen Mobbings Schmerzensgeld einklagen, müssen sie ihre Vorwürfe beweisen. Der Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, zu diesem Zweck Beweismittel herauszugeben. mehr...

4

Small-Talk-Expertin: Fußball-Grundwissen gehört im Büro dazu

Das Champions League-Endspiel ist derzeit das Gesprächsthema. Auch im Büro ist Fußball ein gutes Small-Talk-Thema. Foto: Federico Gambarini

Konstanz (dpa/tmn) Sie können nicht erklären, was die Champions League ist? Und die Abseitsregel haben Sie auch vergessen? Dann bilden Sie sich am besten schleunigst weiter, empfiehlt die Small-Talk-Expertin Annette Kessler. Grundwissen über Fußball gehöre im Job dazu. mehr...

5

Weniger Jugendliche in berufsvorbereitenden Maßnahmen

Die Nachfrage nach Qualifizierung wie dem berufsvorbereitenden Jahr geht zurück. Foto: Peer Grimm

Köln (dpa/tmn) Die Zahl der Jugendlichen in berufsvorbereitenden Maßnahmen ist 2012 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Das teilte das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) mit. mehr...

Online-Sonderveröffentlichungen

Berufe im Handwerk und Gewerbe

Berufswahl gegen Geschlechter-Klischees treffen: Mädchen im technischen Praktikum bei der Ford-Werke-GmbH.

Männerdomänen? Gibt’s die noch? Und hat sich viel verändert in den vergangenen Jahren? mehr...

Kontakt | Impressum | AGB | Nutzungsbasierte Onlinewerbung | Datenschutz

Weitere Angebote aus dem Medienhaus Lensing:
RuhrNachrichten.de | MuensterscheZeitung.de | DorstenerZeitung.de | HalternerZeitung.de | GrevenerZeitung.de | MünsterlandZeitung.de
Heja-BVB.de | Nahraum.de | Immomia