ABC der Wirkstoffe
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Frankfurt/Main (dpa/tmn) Vom Grippevirus geplagt? Da müssen Antibiotika her! Das meinen noch immer viele Menschen. Doch die Medikamente helfen nur gegen Bakterien. Wissenschaftler versuchen das Bewusstsein für den maßvollen Einsatz zu schärfen.
Zu oft verschrieben, zu häufig eingenommen: Werden Antibiotika übermäßig viel eingesetzt, verlieren sie rasch ihre Wirksamkeit. Foto: Kai Remmers (Foto: dpa)
Die Entwicklung der Antibiotika gehört zu den Meilensteinen der modernen Medizin: Sie können etwa bei einer Lungenentzündung oder einer Blutvergiftung Leben retten. Und sie können die Symptome bakterieller Erkrankungen lindern und die Genesung beschleunigen. Im Vertrauen auf diese hohe Wirksamkeit werden jedoch mehr und häufiger Antibiotika verordnet und eingenommen, als notwendig und sinnvoll ist. Die große Gefahr dabei: Die zu bekämpfenden Bakterien wehren sich, die Antibiotika wirken über kurz oder lang nicht mehr.
«Unser Ziel muss sein, Antibiotika so gezielt wie möglich einzusetzen, so wenig wie möglich und so viel wie nötig», fasst Prof. Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, zusammen. «Viele Patienten wissen zu wenig über die Wirkweise von Antibiotika», ergänzt Helmut Schröder vom Wissenschaftlichen Institut der AOK in Berlin. Antibiotika gezielt einsetzen - das heißt zunächst: Sie dürfen nur verwendet werden, um bakterielle Infektionen zu behandeln.
Gegen Viren oder Pilze sind die Mittel wirkungslos. Nur: Um eindeutig zu unterscheiden, ob eine Infektion durch ein Virus oder ein Bakterium verursacht wurde, müsste der Arzt manchmal Urin oder Speichelproben im Labor untersuchen lassen. Das dauert meist mehrere Tage. Daher werden oft völlig sinnlos Antibiotika verschrieben und eingenommen. «Eine klassische Grippe wird meist durch Viren hervorgerufen», erklärt Schröder. Ein Antibiotikum sei in diesem Fall nicht angebracht.
Antibiotika unterscheiden sich in ihrem Wirkmechanismus. «Je nach Wirkstoffzusammensetzung hemmen sie entweder das Wachstum von Bakterien oder sie töten diese sogar», erläutert Gerlach. Während einige Antibiotika gezielt bestimmte Erreger angreifen, wirken sogenannte Breitbandantibiotika wie Penizillin oder Tetracyclin gegen mehrere Bakterien. Ist der Erreger nicht bekannt, ist im akuten Fall eine versuchsweise Behandlung sinnvoll. «Man wird zuerst ein Breitbandantibiotikum einsetzen und parallel eine Diagnostik im Labor durchführen», sagt Prof. Markus Dettenkofer vom Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg. Wenn das Medikament nicht anschlägt oder wenn die Laborergebnisse vorliegen, wird die Therapie angepasst.
Auch muss nicht jede bakterielle Infektion sofort mit Antibiotika behandelt werden. «Bei einer akuten Mittelohrentzündung ist der Krankheitsverlauf mit und ohne Antibiotika sehr ähnlich», sagt Gerlach. «Wir empfehlen deshalb folgende Strategie: Vier von fünf Kindern haben nach 24 Stunden keine Schmerzen mehr, wenn ihnen schmerzlindernde Mittel wie Säfte gegeben werden.» Klingen die Beschwerden nach zwei bis drei Tagen nicht ab, sollte der Arzt eine Antibiotikatherapie in Betracht ziehen, sagt Schröder.
Jede unnötige oder nicht zielgerichtete Antibiotikatherapie hat Folgen. «Antibiotika haben zahlreiche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall oder Erbrechen», betont Gerlach. Auch allergische Reaktionen zählen dazu. Hinzu kommt, dass Bakterien in kürzester Zeit natürliche Anpassungsmechanismen entwickeln oder ihr Erbgut verändern. So werden sie unempfindlich gegen die Wirkstoffe.
Was die ambulante Behandlung erschwert, kann für Kleinkinder, für Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder Krankenhauspatienten lebensgefährlich sein. «Bei schweren Verletzungen oder großen Operationen besteht immer die Gefahr, dass es zu einer bakteriellen Infektion wie einer Lungenentzündung oder einer Blutvergiftung kommt», sagt Dettenkofer.

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