Medienhaus Lensing
02.01.2013 09:30 Uhr
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Verstopfung: Abführmittel sind keine Dauerlösung

Bremen (dpa/tmn) Verstopfung durch Abführmittel: Dieses Schreckgespenst wird immer wieder an die Wand gemalt. Experten geben aber Entwarnung. Moderne Medikamente seien ungefährlich. Betroffene sollten ihrem Problem aber auf den Grund gehen.Von Nina C. Zimmermann, dpa

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Verdauungsprobleme sind weit verbreitet - Frauen leiden jedoch besonders häufig an Verstopfung. Foto: Mascha Brichta (Foto: dpa)

An manche Dinge gewöhnt sich der Körper einfach. Wer regelmäßig seine Muskeln trainiert, muss nach einiger Zeit immer höhere Gewichte stemmen, um seine Kraft weiter zu vergrößern. Wer oft viel Alkohol trinkt, wird irgendwann nicht mehr so schnell betrunken wie jemand, der nie Alkohol trinkt. Ähnlich ist es mit Abführmitteln: Wer regelmäßig welche nimmt, um seine Darmtätigkeit anzuregen, gewöhnt seinen Körper mit der Zeit daran.

«Der Darm wird dann immer träger und das Absetzen wird immer schwieriger», sagt Hans-Michael Mühlenfeld vom Deutschen Hausärzteverband. Das heißt: Wer unter chronischer Darmträgheit, also Verstopfung, leidet, löst sein Problem nicht, indem er immer mehr Abführmittel nimmt. «Das geht nur gewisse Zeit», sagt der in Bremen tätige Allgemeinarzt. Der Betroffene umgehe das Problem mit den Medikamenten nur auf chemische oder physikalische Art.

Schätzungen zufolge leiden mindestens 5 bis 6 Prozent der Bevölkerung an Verstopfung, auch Obstipation genannt. 90 Prozent der Patienten seien weiblich, sagt Dietrich Hüppe, Vorsitzender des Berufsverbands Niedergelassener Gastroenterologen. Die Gründe lägen oft in einer ungünstigen Lebensweise mit zu wenig Flüssigkeitszufuhr. «Wenn Sie zum Beispiel durch viel Schwitzen ausgetrocknet sind, macht das einen harten Stuhl - der Körper quetscht den Stuhlgang quasi aus und entzieht damit Wasser.»

Bei älteren Menschen tragen aber auch Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder bestimmte Medikamente zu den Beschwerden bei. «Blutdrucksenker wie Betablocker wirken sich auf den Stuhlgang aus», nennt Hüppe ein Beispiel. Parkinson-Medikamente und morphiumhaltige Arzneien könnten die Magen-Darm-Tätigkeit ebenfalls bremsen. Bei jüngeren Menschen sei es eher ein Reizdarmsyndrom, bei dem sich Verstopfungen mit Durchfällen abwechseln, oder eine sogenannte generalisierte Darmträgheit, die auf einer Nervenstörung beruht.

Länger als zwei bis drei Wochen sollten Abführmittel nicht angewendet werden. «Man kann aber ganz klar sagen: Abführmittel sind per se nicht schädlich», beruhigt Christian Pehl, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität. Wer meint, er müsse dauerhaft Abführmittel nehmen, weil er sonst nie auf die Toilette kommt, sollte sich aber an einen Arzt wenden. «Bei denjenigen, die Abführmittel hoch dosiert brauchen, findet man oft eine Störung im Nervensystem des Darms», erläutert der Mediziner, der mit Kollegen derzeit eine Leitlinie zur Behandlung der chronischen Obstipation bei Erwachsenen erarbeitet. Die Nervenstörung sei Ursache, nicht Folge des Abführmittelbedarfs.

Pehl unterscheidet drei Arten von chronischer Verstopfungen. Als chronisch gelten die Beschwerden, wenn sie acht bis zwölf Wochen andauern: Bei einer Transportstörung, bei der der Stuhl verzögert den Dickdarm passiert, sei das Nervensystem gestört. Bei einer Entleerungsstörung sei der Transport bis in den Enddarm dagegen kein Problem, allerdings falle dem Patienten die Entleerung schwer. Das könne organische Gründe haben, zum Beispiel, wenn bei einer Frau durch eine Geburt die Bindegewebsplatte zwischen Scheide und Enddarm zerstört ist.

Die dritte Art bezeichnet Pehl als habituelle Obstipation, deren Ursache noch etwas unklar sei. Bei der körperlichen Untersuchung lasse sich keine krankhafte Veränderung im Darmtrakt feststellen. Der Stuhl dicke aber ein, und der Darm sei sehr träge. «Der Lebensstil kann in diesem Fall schon eine Rolle spielen, aber die Ursache ist nicht ein banaler Ballaststoffmangel, zu wenig Sport und unzureichendes Trinken.» Es gebe gute Studien, wonach psychische Faktoren in Betracht kommen. Bewusst oder unbewusst unterdrücke der Patient den Stuhldrang, dadurch verlangsame sich die Darmpassage.

In vielen chronischen Fällen raten Ärzte zunächst, den Ballaststoffanteil an der Ernährung etwa durch Vollkornprodukte zu erhöhen - «wenn man es verträgt», sagt Hüppe. Flüssiger, weicher und daher besser auszuscheiden werde der Stuhl auch durch die ergänzende Einnahme von Ballaststoffen wie Weizenkleie oder Flohsamen. Synthetisch hergestellte Ballaststoffe aus der Apotheke sind eine weitere Option. «Der Körper nimmt sie nicht auf, sie bleiben im Darm und halten dort Wasser - der Darm hat zu tun», erläutert Mühlenfeld. Das trainiere den Verdauungstrakt, der ein Muskelschlauch sei. Und ein Muskel, der nicht bewegt wird, verkümmere.

In akuten Fällen setzt der Hausarzt auch auf sogenannte Laxanzien, das sind Medikamente, die die Beweglichkeit des Darms fördern. Rhizinusöl, das Wasser im Darm hält, gasbildende Zäpfchen, die einen Stuhlpfropfen im Darm lösen sollen, und Einläufe sind weitere Methoden. Grundsätzlich gelte: Je länger die Verstopfung anhält, desto eher stecke eine ernste Erkrankung dahinter, sagt Mühlenfeld. Dickdarmkrebs zum Beispiel kann sich so bemerkbar machen.

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