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Medienhaus Lensing
03.02.2012 09:23 Uhr
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Gehirnveränderungen bereits vor Drogensucht

Washington/Cambridge (dpa) Wer wird drogenabhängig und wer nicht? Nicht nur das soziale Umfeld spielt eine Rolle. Auch Hirn-Anomalitäten können die Sucht fördern. Das haben Forscher der britischen Universität Cambridge herausgefunden.

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Wissenschaftler gehen davon aus, dass gewisse Anomalien im Gehirn anfällig für eine Drogensucht machen. (Foto: Frank Leonhardt) (Foto: dpa)

Drogenabhängige und ihre gesunden Geschwister haben Veränderungen im Gehirn und Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Impulsen. Forscher der britischen Universität Cambridge sehen darin Hinweise, dass solche Anomalitäten anfällig für eine Drogensucht machen. «Wir gehen davon aus, dass es Gehirnveränderungen gibt, die den Drogen ein leichtes Spiel ermöglichen», sagte die deutsche Psychologin Karen Ersche, die seit zehn Jahren in Cambridge arbeitet. «Die brennende Frage ist: Was hat die Geschwister beschützt, die nicht krank wurden?» Ihr Team berichtet über die Untersuchung im US-Fachjournal «Science».

Für die Studie untersuchten die Forscher 50 Geschwisterpaare - je ein Proband eines Paares war gesund, der andere drogenabhängig. Die Experten verglichen diese Teilnehmer mit 50 gesunden Menschen, die ähnlich alt und intelligent waren. «Die Geschwisterpaare hatten es in der Kindheit schon schwieriger als die Vergleichspersonen, sie hatten beispielsweise häufiger mit häuslicher Gewalt zu kämpfen.»

Ersche und Kollegen interessierten sich vor allem für die Abhängigkeit von Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamine. «Diese machen vergleichsweise schnell abhängig. Das Risiko ist achtfach höher, wenn es bereits Drogen- oder Alkoholabhängigkeit in der Familie gibt.» Das sei ein Hinweis auf eine erbliche Komponente, ohne dass man bislang ein Gen für Suchtgefährdung gefunden habe.

Die Forscher machten Aufnahmen mit einem Hirnscanner und führten psychologische Tests durch. «Die Geschwisterpaare, von denen einer erkrankt war, hatten Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Impulsen.» Die Teilnehmer mussten am Computer Aufgaben lösen und sollten nach einer Ansage stoppen. Bei den Geschwisterpaaren dauerte es laut Ersche viel länger als bei den gesunden Vergleichsprobanden, bis der Befehl «vom Gehirn in der Hand ankam» und sie nicht weiterklickten.

«Die Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle spiegelten sich in der weißen Substanz des Gehirns wieder, also in den Nervenverbindungen», sagte Ersche. «Die Nervenverbindungen im Frontalhirn waren weniger effizient als bei den Probanden aus der Vergleichsgruppe, die Geschwister waren sozusagen schlechter verkabelt.» Das sei bedeutsam, weil das Frontalhirn für die zielgerichtete Kontrolle menschlichen Handelns zuständig sei.

«Außerdem fanden wir ein vergrößertes Putamen, das ist eine Hirnregion, die für die Gewohnheitsbildung wichtig ist. Ist es eine gute Angewohnheit, dann ist das von Vorteil. Handelt es sich aber um eine schlechte Angewohnheit wie Drogenkonsum, der außer Kontrolle gerät, dann wird es kritisch.» Auch andere Hirnregionen waren bei den Geschwistern im Vergleich zur Kontrollgruppe größer oder kleiner.

Dass Drogenabhängige Veränderungen im Gehirn haben, ist nicht neu. Unklar war jedoch, ob die Anomalien vor dem Drogenkonsum oder durch den Drogenkonsum entstanden. Für beides fand das Team Belege. Die Wissenschaftler wollen sich nun intensiver mit gesunden Geschwistern von Drogensüchtigen befassen. «Sie hatten ja ähnliche Anomalitäten im Gehirn wie ihre drogenabhängigen Geschwister und Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Wie managen diese Menschen ihr Leben?» Aus diesen Erkenntnissen könnten vielleicht neue Therapien entstehen.

Autoren eines Begleitkommentars sehen in den Hirnveränderungen einen «potenziellen Biomarker». Möglicherweise könnten Interventionen bei Kindern und Jugendlichen zur Selbstkontrolle diese Veränderungen beeinflussen. Dafür sei jedoch weitere Forschung notwendig, schreiben Nora Volkow und Ruben Baler vom National Institute on Drug Abuse in Rockville, der US-Behörde zur Bekämpfung von Suchterkrankungen.



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