Medienhaus Lensing
06.09.2012 10:30 Uhr
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Bäume formen - Die japanische Schnittkunst Niwaki

Shaftesbury (dpa/tmn) Wenn Kinder Bäume malen, ist die Krone weich und wellig. Wie eine Wolke. Oder als ob Seifenblasen ineinanderwachsen. Dieses Bild ist die Vorlage für Niwaki, eine japanische Schnittkunst.Von Dorothée Waechter, dpa

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Aus einem struppigen Buchsbaum formte Niwaki-Künstler Jake Hobson eine gleichmäßige Kugel. Foto: Dorothée Waechter (Foto: dpa)

Es macht schnell klick, klick, klick, wenn Jake Hobson einen Buchsbaumstrauch in eine grüne Wolke verwandelt. In den Händen hält er seine japanische Gartenschere mit langen Griffen - der rechte rot, der linke weiß. Die spitzen Scherblätter führt Hobson ruhig über den Strauch, von oben nach unten. Nur hier und da stockt das Gerät, wenn es ins alte Holz kommt. «Man muss mit der Schere wie mit einer Fräse arbeiten», sagt der Schnittkünstler aus dem englischen Shaftesbury. Hobson ist Bildhauer, der durch einen Studienaufenthalt in Japan die Schnittkunst des Niwaki entdeckt hat.

Bäume werden dabei so getrimmt, dass sie dem Bild vor dem geistigen Auge entsprechen, wenn man an einen Baum denkt. Die Kronen ähneln darin häufig grünen Wolken. «Ich schaue mir zuerst die Pflanze an und überlege, wie man sie formen kann. Dann versuche ich, mir von der Form ein ganz genaues Bild zu machen», erläutert Hobson.

Anschließend setzt der Engländer die Schere an, um die erdachte Figur umzusetzen. Es kommt vor, dass der Schnitt ins Leere geht, wenn die Triebe an einer Stelle noch wachsen müssen. Er rät, dann nicht nachzugeben und die Krone insgesamt kürzer zu trimmen, sondern Geduld mit der Pflanze zu haben.

Hobson schwört auf hochwertige, scharfe Scheren. Elektrische Hilfsmittel lehnt er ab. «Sie arbeiten schnell, zu schnell, und sind nicht präzise», sagt der Meister des Niwaki. Sein Handwerkszeug sind zwei große Hecken- und zwei kleinere Astscheren.

Die Klingen werden regelmäßig - auch während der Arbeit - von Hand geschärft. «Nehmen Sie einen Eimer mit lauwarmem Wasser und fünfprozentiger Chlorbleiche mit zum Schneiden und tauchen die Klingen immer wieder ein», empfiehlt der Schnittkünstler. Das verhindere, dass sich Krankheiten von einer Pflanze zur anderen übertragen.

Niwaki ist die Schnittkunst für Gehölze, die ausgepflanzt sind. Diese Kunst ähnelt dem Bonsai, eine Gartenkunst für Zimmerpflanzen. «Gehölze werden beim Bonsai durch Schneiden der Zweige und der Wurzeln in eine Miniaturform gebracht», erläutert Peter Caus, Schlossgärtner der Hessischen Hausstiftung in Kronberg im Taunus. Manche Triebe werden mit Draht in die richtige Position gebunden.

«Niwaki hat mich fasziniert, als ich nach Japan kam», erzählt Hobson. «Ich hatte in England kein großes Interesse an Gärten, aber als ich die japanischen Gärten entdeckte, wollte ich mehr über sie lernen.» Während in Europa Pflanzen gesammelt, miteinander kombiniert und damit Gartenräume gestaltet werden, soll in Japan ein Garten wie eine Landschaft aussehen. Sie besteht aus Steinen, die Berge darstellen, Wasserflächen oder Kies als idealisiertes Wasser sowie Gehölzen, Moos und vereinzelten Elementen wie einer Laterne oder einer Brücke.

Kultiviert werden Gehölze aus der japanischen Flora - vorzugsweise Kiefern, Bambus und Sicheltannen sowie immergrüne Azaleen. Sie sollen harmonisch und proportional in das Bild passen. «Zierkirschen findet man nur in einem öffentlichen Park oder an einem Fluss. Und Fächerahorn ist den Teegärten vorbehalten», erläutert Hobson.

Für Niwaki in unseren Breiten eignen sich vor allem Eiben, Buchsbäume und Ligustern, sagt Baumschulmeister Caus. Sie wachsen rasch, treiben regelmäßig nach und regenerieren sich gut. Die Fichte dagegen schließt im Mai ihr Wachstum ab. Wird später geschnitten, bleiben die Stellen bis in das nächste Frühjahr sichtbar.

In Japan ist Niwaki Männerarbeit. «Die Pflanzen werden dabei nicht nur geschnitten, sondern auch ausgedünnt, getrimmt und ausgeputzt», so der Engländer. «Es ist wie bei einem Puzzle. Man muss ein Eckstück finden und einfach anfangen.» Zunächst schneidet er an einer Kiefer alte Zapfen heraus und zupft braune Nadeln ab. Anschließend müssen schwache und abgestorbene Äste weg.

Wenn mehrere Zweige zu dicht stehen oder sich kreuzen, wird einer nah am Stamm entfernt. «Du nimmst das weg, was dir nicht gefällt, und lässt das stehen, was dir gefällt», nennt Hobson die einfache Regel. Hin und wieder verwendet er Sisalband, um einen Zweig in die richtige Position zu binden.

Beim Niwaki ist Geduld wichtig. Gut zwei Jahre dauere es, bis die Form des Baums der eigenen Vorstellung entspricht, sagt Hobson. «Verwandelt man ein großes Gehölz in eine grüne Wolke, beginnt man am besten im zeitigen Frühling.» Im Frühsommer und Herbst werde nachgearbeitet.

«Eine bestehende Form braucht man eigentlich nur im April oder Mai und ein zweites Mal im September oder Oktober zu schneiden.» Es wird lediglich der Zuwachs entfernt - damit Bäume so aussehen wie auf Zeichnungen von Kindern. Mit den Konturen von ineinander gewachsenen Seifenblasen, umfallenden Hinkelsteinen oder grünen Schneeverwehungen.

Literatur:

Hobson, Jake: Niwaki. Japanische Gartenbäume schneiden und formen, Ulmer Verlag, 2010, 144 S., 39,90 Euro, ISBN-13: 978-3800158560

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