Interview: Propst Ludwig über Missbrauchsvorwürfe und die Krise der Kirche
BOCHUM Diese Tage sind keine leichten. Für keinen Katholiken. Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in ihren Einrichtungen stürzt die Katholische Kirche in eine ihrer größten Krisen. Im Gespräch mit Christian Rothenberg sprach Propst Michael Ludwig über das Zölibat, Moral und Kirchenaustritte.
Die Kirche müsse offener werden, fordert Propst Ludwig. "Wir haben nichts zu verbergen." (Foto: Rothenberg)
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Ludwig: Ich lese immer gern Zeitung. Aber die Enthüllungen haben mich sehr getroffen. Vor allem die Essener Geschichte: Es war mein alter Kaplan, der Kontakt zu einem 16-Jährigen hatte. Er hat mich geprägt auf meinem Weg und mir nie etwas getan. Als Sie das gelesen haben: Was war Ihr erster Gedanke?
Ludwig: Dass nun kommt, was in den USA vor Jahren passiert ist. Ich hatte Sorge, was nun alles rauskommt, wie viele betroffen sind. Mir wurde auch klar, dass nicht alles heile Welt ist. Wobei jeder Einzelfall schrecklich ist.
Sind Sie sauer, dass jetzt ein Generalverdacht auf alle kirchlichen Vertreter fällt?
Ludwig: Das ist bei der Kirche immer so. Sobald etwas passiert, gibt es einen Pauschalverdacht. Schon bei der Hexenverbrennung. Die Schwierigkeit ist, wir sind selbst betroffen, weil wir es auch nicht wussten. Wie nachvollziehbar ist der öffentliche Aufschrei?
Ludwig: Das eine ist die Betroffenheit, weil man bei Kirchen höheres moralisches Verhalten fordert. Mit Recht. Das andere ist die menschliche Erfahrung, dass Menschen aus der Kirche nicht besser sind. Außerdem ist Missbrauch im familiären Umfeld wesentlich häufiger. Welchen Anteil hat das Zölibat?
Ludwig: Erwiesen ist, es gibt keinerlei Verbindung. Missbrauchsfälle gibt es auch in Bereichen ohne zölibatäre Menschen. Den freiwillig Unverheirateten unterstellt niemand, dass sie verklemmt, neurotisch oder abnorm sind. Aber wer sich für das Priestertum entscheidet, hat sofort ein Problem mit Sexualität. Hat die Katholische Kirche zu den Vorwürfen ausreichend Stellung genommen?
Ludwig: Der Papst ist einer der massivsten Kritiker. Die Fälle müssen aufgearbeitet werden. Aber eine pauschale Entschuldigung wäre zu billig. Es müssen Konsequenzen gezogen werden, wie mit Tätern umgegangen wird. Dass sie nicht wie früher einfach versetzt werden. Pater von Gemmingen, Ex-Chef von Radio Vatikan, verglich den Skandal mit dem Beginn der Judenverfolgung...
Ludwig: Bestimmte Vergleiche verbieten sich aufgrund unserer geschichtlichen Verstrickungen. Sie sprechen in Bochum täglich mit Gläubigen. Wie sind die Reaktionen?
Ludwig: Betroffenheit, Erschrecken, Sprachlosigkeit. Eine große Ohnmacht. Sie würden gern etwas tun, können aber nicht. Bei Unfällen kann man eine Kerze aufstellen. Für Haiti kann man spenden. In diesem Fall gibt es keine Klagemauer. Was entgegnen Sie jenen, die austreten wollen?
Ludwig: Der Austritt wird beim Amtsgericht vollzogen. Das erfahren wir erst Monate später, wenn es zu spät ist. Ich bin gespannt, wie es sich auswirkt. In Krisenzeiten gibt es aber immer mehr Austritte. Viele, die sich schon länger entfernt haben, nehmen es als endgültigen Anlass.




















