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Medienhaus Lensing
24.01.2012 08:42 Uhr
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Geigerin Mutter: Ohne Förderung verlieren wir den Anschluss

Stuttgart (dpa) Im Alter von 13 Jahren spielte sie vor Herbert von Karajan, der sie daraufhin ein «Wunder» nannte: Anne-Sophie Mutter. Aktuell tourt die im badischen Rheinfelden geborene 48-Jährige mit dem Radiosinfonieorchester Stuttgart des SWR durch Deutschland und die Schweiz.

Bilder:

Anne-Sophie Mutter entdeckt immer wieder neue Aspekte des Geigenspiels . Foto: Sven Hoppe/Archiv


Anne-Sophie Mutter entdeckt immer wieder neue Aspekte des Geigenspiels . Foto: Sven Hoppe/Archiv
Anne-Sophie Mutter entdeckt immer wieder neue Aspekte des Geigenspiels . Foto: Sven Hoppe/Archiv
Foto: dpa

Mit der Nachrichtenagentur dpa sprach die Geigerin über Schönheit als Karrierefaktor, Fehler im Musikunterricht an deutschen Schulen und klavierspielende Katzen im Internet.

Sie führen ein extrem durchgeplantes Leben und wissen schon heute, wo Sie 2015 spielen werden. Verraten Sie uns Alltags-Gehetzten eines: Wie geht man klug mit Zeit um?

Anne-Sophie Mutter: «Beispielsweise, indem man sich immer wieder kleine Fluchten schafft. Ich komme gerade von den Proben und nach dem Interview gehe ich mit meinen Hunden Bonnie und Clyde spazieren. Das sind meine Fluchten: Zeitfenster, in denen ich mich nicht mit meinem Beruf beschäftige. Das sind auch die Perioden, die besonders inspirierend sind und sich sehr positiv und erfrischend auswirken.»

In Ihrem aktuellen Programm gibt es wieder ein neues Stück zeitgenössischer Klassik, speziell für Sie geschrieben. Was reizt Sie an dieser Art Musik?

Mutter: «Es ist dieses Erarbeiten einer ganz fremden Materie und die Tatsache, dass ich zwar seit 35 Jahren konzertiere, aber dank der zeitgenössischen Werke immer wieder Aspekte des Geigenspiels entdecke, denen ich noch nicht begegnet bin - auch technische Schwierigkeiten. Das ist dann zuerst frustrierend, aber es ist auch wahnsinnig spannend, diese Nuss zu knacken.»

Wir enden hier ja beinahe in der Lebenshilfe. Rezept eins für ein glückliches Leben: Kleine Fluchten gegen den Stress. Rezept zwei: Immer wieder neue Herausforderungen suchen...

Mutter: «...und jetzt kommt als Drittes: die Butterbrezel. Die braucht es auch ab und an.»

Das ist auch ein gutes Stichwort. Was verbindet Sie denn außer der Butterbrezel heute noch mit Ihrer Herkunft Rheinfelden (Kreis Lörrach) und dem Ort Ihres Aufwachsens, Wehr (Kreis Waldshut)?

Mutter: «Zuallererst mein Taufpfarrer, Paul Gräb. Der ist mir und meiner Familie schon lang verbunden und ist jetzt ein alter Herr. Er hat vor über vier Jahrzehnten das Diakonische Werk in Bad Säckingen aufgebaut. Dafür habe ich wiederholt Benefizkonzerte gespielt, auch letztes Jahr. Hinzu kommen noch ein paar Freunde aus der Kinderzeit - der Schwarzwald ist mir also immer noch nahe. Und auch Stuttgart ist mir sehr nahe, nach wie vor. Es war ja die erste Großstadt, die immer wieder für Konzerte oder Ballettbesuche angepeilt wurde.»

Auch dort hatten Sie dann schon sehr früh mit klassischer Musik zu tun. Wie wird in einem fünfjährigen Mädchen der Wunsch nach Geige spielen so stark, dass es ein Jahr später «Jugend musiziert» gewinnt?

Mutter: «Wir haben zuhause immer schon sehr viel klassische Musik gehört und ich glaube, dass ich aus diesem Grund heraus mit fünf Musikunterricht haben wollte. Mich hat aber auch die Figur eines Musikers als Mensch, der sehr viel in der Gesellschaft bewirkt, fasziniert. Nehmen Sie zum Beispiel Menuhin, der als erster jüdischer Musiker nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkam und hier mit Furtwängler gespielt hat. Er hat damals ganz schnell eine ganz wichtige Brücke gebaut, zwischen den Völkern. Und das hat mich als Kind, als junges Mädchen, tief berührt und sehr beeindruckt.»

Und heutzutage versuchen Sie, die Bedingungen unter denen Kinder an klassische Musik herangeführt werden, zu verändern. Warum haben Sie beispielsweise in Bayern an den Plänen zum Musikunterricht in Kindergärten mitgearbeitet?

Mutter: «Es ist wahnsinnig wichtig, in den Kindergärten anzusetzen, weil Musikunterricht da genau in das richtige Alterszentrum trifft, nämlich in eine Periode, in der das Kind seinen eigenen Körper, seine eigene Stimme erfährt und in der das ganze begreifend erforscht wird. Mir liegt das Thema sehr am Herzen, weil ich da so viele Fähigkeiten in Kindern brachliegen sehe und wir sie so schrecklich früh auf die sich monetär später auszahlenden Fächer hin drillen. Wir vergessen völlig, dass es da auch noch Spieltrieb gibt. Es geht einfach darum, dass jeder Mensch eine Begabung in sich trägt, oder mehrere Begabungen, egal auf welchem Gebiet. Es geht darum, dass das Kind eine Chance hat, diese Begabung zu leben. Das ist auch ein ganz wunderbares Hobby.»

Schauen wir jetzt aber auf diejenigen, die Musik später nicht nur als Hobby, sondern professionell verfolgen. Verliert Deutschland den Anschluss im klassischen Nachwuchsbereich?

Mutter: «Ja, wir haben den Anschluss tatsächlich schon verpasst an den Spitzenstreichernachwuchs, einfach weil zu spät und nicht flächendeckend gefördert wird. Ich bin sehr beeindruckt beispielsweise von dem hohen Niveau des Musikunterrichts an den Gymnasien, was die Anforderungen angeht. Mein Sohn macht gerade in Musik Abitur, meine Tochter hatte sich für Kunst entschieden und was da verlangt wird, das ist wirklich professionell. Aber es gibt diese Riesenlücke. In der Grundschule passiert fast gar nichts und ich weiß gar nicht, wie die musikalische Ausbildung beispielsweise auf einer Realschule oder einer Hauptschule aussieht.»

Wer es dann trotzdem professionell schafft, steht heutzutage noch extremer als früher im Rampenlicht. Immer häufiger kommt, wie in den Fällen von Anna Netrebko, Jonas Kaufmann oder Elena Garanca auch die Vermarktung über den Faktor Schönheit hinzu. Bedauern Sie das, weil das Auge das Ohr ablenkt?

Mutter: «Ach, nein. Die Künstler, die Sie nennen, das sind alles erstklassige Musiker. Dass sie nun auch noch gut aussehen, kann man ihnen ja nicht zur Last legen. Ich bin nach wie vor der möglicherweise naiven Meinung, dass sich ein großes Talent immer durchsetzt.»

Zur heutigen Vermarktung gehört auch das Internet. Lesen Sie eigentlich, was da über Sie steht oder beobachten Sie die Konkurrenz?

Mutter: «Ja, aber ich schau da weniger nach Kollegen. Ab und zu klicke ich auch meine Seite an, da finden sich teilweise wahnsinnig liebe, süße Dinge. Aber am Ende ist es einfach eine sehr zeitaufwendige Sache, diese Surferei. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Manchmal staune ich dann aber doch, es gibt ja die tollsten Sachen. Da gibt's einen japanischen Dirigenten, dessen Auftakt für Beethovens Fünfte ist einfach unglaublich, irre. Und so ganz abartige Dinge wie klavierspielende Katzen sind natürlich kaum zu übertreffen.»

Interview: Christian Fahrenbach, dpa



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