Medienhaus Lensing
21.12.2012 06:11 Uhr
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Interview zum Jahresrückblick: Als das Leben auf der A 40 stillstand

Essen Die Vollsperrung der Autobahn 40, sie war ein echtes Experiment. Zwischen dem 7. Juli und dem 30. September ging zwischen dem Autobahndreieck Essen-Ost und der Anschlussstelle Essen-Zentrum nichts mehr. Eine neue Erfahrung auch für das Ehepaar Kannengießer, das seit fast 50 Jahren direkt neben der Pulsader des Ruhrgebiets wohnt.

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Vollsperrung der A 40 im Sommer 2012. Foto: Caroline Seidel/Archiv (Foto: dpa)

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Wenn in der Essener Hohenburgstraße abends das Licht erlischt, ist es immer noch da: das leise Rauschen der A 40. Für Elke (71) und Günther Kannengießer (79) ist es trotzdem irgendwie still. Schon seit 1965 leben sie dort. Das Rauschen gehört zum Alltag. Bis es am 7. Juli wirklich kurzzeitig still wurde. Über drei turbulente Monate sprach Florian Groeger mit Elke Kannengießer.

Frau Kannengießer, wie fielen die Reaktionen der A 40-Anwohner aus, als der Landesbetrieb Straßen.NRW bekannt gab, dass die Autobahn für drei Monate voll gesperrt wird?

Die Meinungen über diese Maßnahme waren zunächst geteilt. Aber die Mehrzahl der Anwohner war letztlich froh darüber. Lieber drei als 24 Monate Baulärm.

Und wie fällt Ihr Fazit im Nachhinein aus?

Es war genau die richtige Entscheidung. Dass es von einigen Autofahrern Kritik gab, kann ich nicht verstehen. Schließlich wollen wir doch alle gute und sicherere Straßen. Dann muss man so eine Sperrung einfach mal in Kauf nehmen. Nur Meckern bringt doch nichts. Allerdings muss ich zugeben, dass auch wir zu Beginn recht skeptisch waren, ob dieses riesige Projekt wirklich in drei Monaten abgeschlossen werden kann.

Sie wurden eines Besseren belehrt…

Ja, die waren sogar einen halben Tag eher fertig als angekündigt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Die Baustelle wirkte wie ein großer Ameisenhaufen, so viele Bauarbeiter waren das. Wir waren natürlich neugierig, sind jeden Tag hingegangen und haben gespannt zugeguckt. Anfangs hat sich wenig getan. Als wir im August für drei Wochen in den Urlaub gefahren sind, habe ich noch zu meinem Mann gesagt: „Das schaffen die bis Ende September im Leben nicht.“ Aber als wir dann wieder hier waren, hatte sich einiges getan.

Angenehm war die Zeit mit Dreck und Baulärm aber nicht wirklich, oder?

Sagen wir es so: Mein Mann und ich hatten es schlimmer befürchtet. Die Fenster musste ich natürlich häufiger putzen, der Staub hat sich überall reingesetzt. Aber nur an einem Samstag sind wir fast verrückt geworden. Da waren acht Bagger im Einsatz, um die Stadtwaldbrücke abzureißen. Danach haben wir die Bauarbeiten nicht mehr so deutlich wahrgenommen. Die vielen vorsorglich gekauften Pakete Ohropax haben wir nicht gebraucht (lacht). Wir haben den großen Vorteil, dass wir Parterre wohnen. Zwischen unserem Haus und der Autobahn steht außerdem das große Weigle-Haus (Jugend- und Gemeindehaus, Anm. d. Red.). Die Lärmschutzwände halten einiges ab. Wenn ich meine Freundin im Nachbarhaus besuche, ist der Geräuschpegel allerdings höher. Sie wohnt in der zweiten Etage. Je höher man wohnt, desto lauter ist es.

Waren Sie auch als Autofahrerin von der Sperrung betroffen?

Ja, wobei ich beim Autofahren Spätstarter bin. Ich habe den Führerschein erst mit 54 gemacht. Über die A 40 fahre ich aber nur selten. Vor allem, nachdem ich in einer Zeitschrift gelesen hatte, dass der Ruhrschnellweg-Tunnel nicht sicher sein soll. Da bin ich dann gar nicht mehr durchgefahren. Mittlerweile tue ich es wieder mit einem guten Gefühl. Mein Mann muss übrigens immer auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Er besitzt nur eine Fahrerlaubnis für Schiffe, hat 30 Jahre als Seemann hier in Essen auf dem Baldeneysee und davor auf dem Rhein gearbeitet.

Ist es denn für die Anwohner spür- bzw. hörbar, dass sich sich der Lärmpegel nach dem Umbau reduziert hat? Stichwort Flüsterasphalt?

Für mich hat sich da nichts verändert. Auch die Nachbarn, mit denen ich gesprochen haben, empfinden das so. Aber die meisten wohnen ebenfalls schon seit mehreren Jahren hier. Man gewöhnt sich einfach daran.

Gab es sonst etwas, dass Sie während der drei Monate gestört hat?

Nicht zwischen Juli und September, aber die Bauarbeiten außerhalb der  A 40 haben ja deutlich länger gedauert. Da gab es für Fußgänger und Radfahrer noch weitere Behinderungen. Aber ich glaube, dass es erstmal wichtig war, die Autobahn bis zum 30. September fertig zu bekommen. Sonst wäre der Ärger groß gewesen.

Sie leben seit 1965 direkt neben der A 40, haben das steigende Verkehrsaufkommen hautnah miterlebt…

Früher und heute kann man da wirklich nicht vergleichen. Es wird jedes Jahr mehr. Mittlerweile sollen es fast 100 000 Fahrzeuge pro Tag sein. Aber an das Rauschen haben wir uns gewöhnt, das nimmt man gar nicht mehr wahr. Wir sind eben Gewohnheitstiere. Daher war es ein komisches Gefühl, als am 7. Juli plötzlich alles still war. Teilweise fuhren auch die S-Bahnen nicht – zwei Gleise liegen ebenfalls direkt vor unserer Haustür. Der Baulärm hat das dann etwas ausgeglichen.

Also war es damals auch kein Thema, dass Sie in eine Wohnung direkt neben der Autobahn gezogen sind?

Nein, damals sowieso nicht. Die Autobahn war bei uns nie ein großes Thema.

Können Sie sich noch an den Bau des Ruhrschnellweg-Tunnels erinnern?

Natürlich. Damals konnten wir während der Bauarbeiten sogar zu Fuß über die jetzige Autobahn gehen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Eine Sache zu der Vollsperrung muss ich aber noch loswerden: Man hat bei den Bauarbeiten gemerkt, dass eine Frau das Projekt geleitet hat.

Wieso?

Bei einem Mann hätte das garantiert länger gedauert.

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