Pilotprojekt in Detmold: Wie Gefängnisse sich auf ältere Insassen einstellen

NRW Im März 2005 saßen in NRW nicht einmal 400 Gefangene im Alter von über 60 Jahren in Haft, im März 2012 waren es schon über 500. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Detmold läuft daher seit 2007 ein Pilotprojekt: 22 Männer leben in einer Alten-Abteilung.

  • Senioren haben im Gefängnis andere Bedürfnisse.

    Senioren haben im Gefängnis andere Bedürfnisse. dpa

 „Der demografische Wandel macht vor dem Vollzug nicht Halt“, sagt Kerstin Höltkemeyer-Schwick, Leiterin der Anstalt. Die Betreuung ist laut Höltkemeyer-Schwick altersgerechter. Die Senioren, die mindestens 62 Jahre alt sind, werden unter anderem intensiver medizinisch betreut, erhalten fettärmeres Essen, besondere sportliche Angebote. Die Einrichtung ist mit Betten in Sitzhöhe, rückengerechten Matratzen, behindertengerechten Bädern und Durchgangstüren für Rollstühle mit der eines Altenheims zu vergleichen.

Ältere Häftlinge in Detmold profitieren aber vor allem durch ihre separate Unterbringung. 17 von ihnen leben in Einzelzellen, fünf weitere in zwei Gemeinschaftszellen. In dieser wohngruppenähnlichen Atmosphäre sind die Insassen unter sich und damit geschützt vor jüngeren. „Die älteren Häftlinge sind den jüngeren körperlich unterlegen und dankbar, hier ihre Ruhe zu haben“, weiß Manfred Möller, Pfarrer im Ruhestand aus Detmold. Für den Verein „Gefängnisseelsorge Detmold“ besucht Möller regelmäßig die Alten-Abteilung der JVA. Er ist einer von 25 Ehrenamtlichen.

Kontakt nach draußen

„In Detmold sitzen vor allem Langzeitinsassen. Viele haben nur noch wenig Kontakt nach draußen“, erklärt der Pfarrer. „Unser Besuch ist für sie etwas Besonderes.“ Die Ehrenamtler seien die „Boten aus der anderen Welt“, fördern die Kontakte nach draußen, sprechen mit den Häftlingen, verbringen mit ihnen Freizeit.
Einige Häftlinge wüssten, dass sie ihr Leben im Gefängnis beenden werden. „Sie neigen zur Resignation. Wir versuchen, sie zu ermutigen“, erklärt der Seelsorger.

Ob das Modell Detmold Schule machen wird, ist völlig offen. Das nordrhein-westfälische Justizministerium ist zwar voll des Lobes für das Pilotprojekt, allerdings will man in Düsseldorf auch andere Konzepte nicht vernachlässigen. „Für manchen älteren Insassen ist das Leben in einer Wohngruppe ein Segen“, sagt Ministeriumssprecher Peter Marchlewski. Es sei aber auch festzustellen, dass Senioren in der JVA Vorbild-Funktion für Jüngere hätten, beruhigend und sogar integrativ wirkten. Auch diese Vorteile wolle man nutzen.

„Senioren“-Angebote

In zahlreichen Haftanstalten der Region besteht allerdings zurzeit auch (noch) kein Bedarf nach Wohngruppen für ältere Häftlinge. Von den 415 Häftlingen in der JVA Dortmund beispielsweise sind nur fünf älter als 60 Jahre – vier davon sitzen in Untersuchungshaft.

Nach Angaben des stellvertretenden Leiters Winfried Rother habe es bisher noch keinen „richtig Gebrechlichen“ gegeben, „der in Dortmund nicht mehr richtig aufgehoben gewesen wäre“. Ähnlich die Situation in der JVA Bochum: Von den 699 Insassen sind 16 älter als 60 Jahre, darunter ein 80-Jähriger. „Wir versuchen die Älteren in Einzelzellen unterzubringen“, erklärt Leiter Thomas König.

In den Gefängnissen Münster und Schwerte liegt der Altersdurchschnitt der Häftlinge bei etwa 30 Jahren. „In Münster gibt es überwiegend erstinhaftierte Gefangene“, sagt der stellvertretende Leiter Rolf Silwedel. Und auch die Schulabteilung und eine Therapieeinrichtung für Drogenkranke sorgen für eine eher jüngere Klientel. Ebenso in Schwerte: „Die vier bis fünf älteren Häftlinge können wir gut individuell versorgen“, erklärt JVA-Leiterin Gabriele Harms. Schon heute gebe es besondere „Senioren“-Angebote in den Bereichen Kochen, Sport und Spiele.
Autor
Ingrid Wielens und Michael Schnitzler
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    3. Januar 2013, 06:01 Uhr
    Aktualisiert:
    16. Dezember 2013, 12:40 Uhr
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