Heimlicher Star der US-«Vogue»: Grace Coddington

New York (dpa) Eigentlich sollte es ein Film über die legendär-eisige «Vogue»-Chefredakteurin Anna Wintour und die legendär-dicke September-Ausgabe ihrer Mode-Bibel werden. Aber dann stahl ein Ex-Model mit wallender roter Haarmähne allen die Show.

  • Grace Coddington auf dem Cover ihrer Memoiren. Foto: Random House

    Grace Coddington auf dem Cover ihrer Memoiren. Foto: Random House Foto: dpa

Mit kreativen Ideen, schier unendlicher Sturheit und andauernden Auseinandersetzungen mit Wintour wurde Grace Coddington - heute 71-jährige Kreativdirektorin der US-«Vogue» - 2009 zum Überraschungsstar des Dokumentationsfilms «The September Issue». Sie avancierte zur weltweit gefeierten Mode-Ikone. «Dieser Film ist der einzige Grund, dass man jemals von mir gehört hat», sagt Coddington.

Aber nach jahrzehntelanger Karriere in der Mode-Branche und mit prominenten Freunden von Karl Lagerfeld über Marc Jacobs bis hin zu - allen Kämpfen zum Trotz - ihrer Chefin Anna Wintour hat das exzentrische Ex-Model mehr zu erzählen, als in eine «Vogue»-Doku passt. Außerdem werde sie seit dem Film ständig auf den Straßen ihrer New Yorker Wahlheimat erkannt und mit Fragen über ihr Leben bestürmt, schreibt Coddington. «Also habe ich jetzt etwas gemacht, wo ich nie gedacht hätte, dass ich dafür jemals alt oder interessant genug sein könnte: Ich habe meine Memoiren geschrieben.»

Ein Wälzer mit mehr als 400 Seiten ist es geworden, voller Fotos und Zeichnungen der Mode- und Katzenliebhaberin und voller Nähkästchen-Geschichten aus der Welt der Haute Couture. In den USA wurde das kreischend orangefarbene Buch nach dem Erscheinen im November mit begeisterten Kritiken gefeiert. «Es bietet ein Fenster in die Veränderungen der Mode-Branche von einer kleinen Nischen-Industrie hin zum Medium der globalen Pop-Kultur», schrieb die «Los Angeles Times». Und die «New York Times» wortspielte, Coddington sei einfach immer «in Mode». Ob es eine deutsche Ausgabe des im Random House-Verlag erschienenen Werks geben wird, war zunächst nicht klar.

Als «einsames und kränkliches» Kind wuchs die heutige Mode-Ikone im Hotel der Eltern auf der spärlich bevölkerten Insel Anglesey vor der Nordwestküste von Wales auf. Coddingtons Job-Aussichten damals: «Entweder Mitarbeiterin einer Uhren-Fabrik oder eines Snack-Shops.» Aber schon als Kind liebt sie «schöne Anziehsachen auf schönen Fotos» und zieht mit 18 Jahren nach London, um Model zu werden. Bei ersten Shootings verdient sie etwa drei Euro pro Tag und muss sich selbst schminken. Kurz darauf zerstört ein schlimmer Auto-Unfall, bei dem die Scherben des Rückspiegels Coddingtons linkes Augenlid zerschneiden, alle Topmodel-Träume.

Sie startet eine zweite Karriere als Mode-Redakteurin und arbeitet schon bald mit bekannten Models wie Nadja Auermann, Naomi Campbell und Natalia Vodinova («mein Lieblingsmodel») sowie Star-Fotografen wie Mario Testino (anfangs ein «nerviger Junge»), Annie Leibovitz und Helmut Newton zusammen. Newton habe sie immer nackt fotografieren wollen, erzählt Coddington. «Eines Tages sagte er dann zu mir: "Weißt du noch, wie ich dich immer nackt fotografieren wollte, bevor es zu spät ist? Jetzt ist es zu spät."»

Coddington knutscht Mick Jagger, schminkt Prince Charles und wird nach dem frühen Tod ihrer Schwester vom Schuh-Designer Manolo Blahnik getröstet - während sich die Branche um sie herum im Eiltempo verändert, Fotoshootings über die Jahre von «drei entspannten Wochen» auf «drei hektische Tage» verkürzt und Hollywood-Stars zu «Vogue»-Covermodels werden. Und Coddington teilt in ihren amüsant zu lesenden Erinnerungen auch aus, beschreibt Madonna als schwierig, die Designer Victor & Rolf als «zimperlich», die Star-Fotografin Leibovitz als «nicht gerade den glücklichen Party-Typ» und Chefin Wintour als «immer verführerisch mit Männern, auch mit schwulen».

Vom Film, der sie berühmt machte und schließlich zu den Memoiren führte, war Coddington anfangs gar nicht begeistert. «Meine Reaktion auf diese aufdringliche Idee war natürlich eine des Grauens, weil ich schon immer der Meinung war, dass die Menschen sich auf ihre Jobs konzentrieren sollten und nicht auf diesen modischen "Ich will ein Star sein"-Blödsinn.» Chefin Anna Wintour - selbst schon länger ein Promi der Fashion-Welt - sieht das allerdings ganz anders. «Ich finde es wunderbar, dass sie endlich diese Anerkennung und Bewunderung bekommt», sagte die 63-Jährige mit der berühmt gewordenen Helm-Frisur der «New York Times». «Wir in der Branche wussten ja schon immer, dass sie ein Rockstar ist.»

Autor
Christina Horsten, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    3. Januar 2013, 11:05 Uhr
    Aktualisiert:
    21. November 2013, 14:26 Uhr
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