Wie die «Tate» ihre Turner-Bilder wieder bekam

Frankfurt/Main (dpa) Am kommenden Montag (7. Januar) ist es zehn Jahre her, dass in der Londoner Tate Gallery zwei berühmte Gemälde wieder an die Wand gehängt wurden, die 1994 aus der Frankfurter Kunsthalle Schirn geraubt worden waren.

  • Wieder da: «Schatten und Dunkelheit» von 1843. Foto: John Stillwell

    Wieder da: «Schatten und Dunkelheit» von 1843. Foto: John Stillwell Foto: dpa

Achteinhalb Jahre hatte es gedauert, sie wiederzubeschaffen. Was dabei im Hintergrund ablief, beschreibt einer der Hauptverantwortlichen in einem Buch, das Krimis wie «Die Thomas Crown Affäre» oder «Ocean's Eleven» an Spannung nicht nachsteht.

Autor Sandy Nairne war seinerzeit Programmleiter der Tate. Achteinhalb Jahre lang verhandelte er mit Polizisten und Agenten, Staatsanwälten und Politikern, traf sich mit Kontaktleuten. Die Hintermänner wurden nie gefasst, nur die drei Räuber, die sich am 28. Juli 1994 in der Kunsthalle hatten einschließen ließen, den Wachmann in einen Putzschrank sperrten und drei Bilder mitnahmen. Neben den beiden Turners «Schatten und Dunkelheit» und «Licht und Farbe» von 1843 wurde auch Caspar David Friedrichs «Nebelschwaden» gestohlen.

In seinem Tatsachenreport «Die leere Wand. Museumsdiebstahl» rekonstruiert Nairne nicht nur die Wiederbeschaffung der Turners; er thematisiert auch grundsätzliche Fragen: Darf man Lösegeld zahlen für Kunst? Was motiviert Kunstdiebe? Meist, zitiert Nairne den früheren Leiter der Arts and Antiques Squad von Scotland Yard, dienen geraubte Gemälde in Unterweltkreisen zur Finanzierung von Drogengeschäften. Wie viel das Pfand wert ist, steht praktischerweise in der Zeitung.

Die Turner waren mit je zwölf Millionen Pfund Sterling versichert (14,8 Mio Euro). Als «Honorar für die erfolgreiche Wiederbeschaffung» gab die Tate offiziell 3,5 Millionen Pfund Sterling aus (4,3 Mio Euro). Der Rest der ausbezahlten Versicherungssumme half übrigens beim Aufbau der «Tate Modern». Bevor Nairne mit den richtigen Leuten in Kontakt kam, versuchten zahlreiche Trittbrettfahrer die Tate zu schröpfen. Nairne schildert konspirative Telefonate und fingierte Geldübergaben - gelegentlich begleitet von einem Kamerateam der BBC.

Die drei Diebe wurden 1995 in Frankfurt verhaftet, ein verdeckter Ermittler hatte sich als Käufer ausgegeben. Die Bilder aber blieben verschwunden. Erst 1999 kam Bewegung in die Sache: Ein Frankfurter Häftling sagte dem Anwalt Edgar Liebrucks, er kenne den Besitzer der Turners. Dieser Anwalt wurde zur Schlüsselfigur, der Kontakt auf die «andere Seite». Bis die Bilder zurück waren, dauerte es weitere drei nervenzehrende Jahre mit Aktionen am Rande der Legalität und unfassbaren Pannen.

Als der Anwalt eine Million Euro als «Eisbrecher» übergeben muss, scheitert die Überweisung an eine Sparkasse in Würzburg am veralteten Computersystem der Provinzkasse. Tagelang sitzen Nairne, der Chefrestaurator der Tate und der Geheimagent «Rocky» in einem Hotel in Bad Homburg, drei Handys vor sich, und beruhigen ihre Nerven mit dem Beobachten von Rehen. Am 19. Juli 2000 hat der Anwalt tatsächlich «Schatten und Dunkelheit» in seiner Wohnung. Einmal quer über die Straße und das Bild ist in Sicherheit - in einem Kabuff bei der Staatsanwaltschaft, in dem sich konfiszierte Pornos stapeln.

Um das zweite Bild nicht zu gefährden, wird der Teilerfolg geheim gehalten. Daher wussten die Tate-Experten auch sofort, dass es nur Fälschungen sein können, als 2001 die Polizei aus Antwerpen anrief, um zu melden, man habe die beiden Turners gefunden. Neue Trittbrettfahrer hatten versucht, haarsträubend schlechte Kopien einem Kunsthändler anzudrehen.

Am 16. Dezember 2002 übergab der Mittelsmann im Frankfurter Sheraton-Hotel «Licht und Farbe» - in einer blauen Stofftasche. Nach achteinhalb Jahren Krimi live «ein überwältigender Augenblick». Nairne spricht im Buch von den Bildern wie von Freunden. Er nennt sie «Geiseln», den Raub «Entführung», hofft auf ein «Lebenszeichen». Als die Bilder zurück sind, sagt der Chefrestaurator: «Es ist, als träfe man einen alten Freund wieder.»

Autor
Sandra Trauner, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    3. Januar 2013, 14:16 Uhr
    Aktualisiert:
    3. Januar 2013, 14:19 Uhr
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