Analyse: Die Bombe von Gleis 1 wirft viele Fragen auf

Bonn Ein Metallrohr mit Ammoniumnitrat, vier Gaskartuschen, ein Wecker und eine Zündvorrichtung. Das war der Inhalt der blauen Nylonsporttasche, die am Montag an Gleis 1 im Bonner Hauptbahnhof abgestellt wurde.

  • Es gibt noch viele Fragen zum Bonner Bombenfund. Foto: Marius Becker Foto: Marius Becker

    Es gibt noch viele Fragen zum Bonner Bombenfund. Foto: Marius Becker Foto: Marius Becker Foto: dpa

Marke Eigenbau war dieser Sprengsatz - und brandgefährlich, wie Bundesanwalt Rainer Griesbaum am Mittwoch in Karlsruhe bestätigte. Nur ob die Bombe auch hätte hochgehen können, das konnte die Polizei auch am Mittwoch noch nicht sagen.

Denn obschon die Konstruktion eine Zündvorrichtung enthielt - einen Zünder haben die Ermittler nicht gefunden. Denkbar ist, dass er bei der Entschärfung zerstört oder weggeschleudert wurde.

Ebenso unbeantwortet ist die entscheidende Frage: Stecken Terroristen dahinter? Bei den Stichwörtern «Bombe», «Tasche», «Bahnhof» denkt man gerade in Nordrhein-Westfalen sofort an die Kofferbomber von 2006.

Der damals 25 Jahre alte libanesische Student Youssef El Hajdib hatte im Kölner Hauptbahnhof zusammen mit seinem Komplizen Jihad Hamad zwei Kofferbomben in Regionalzügen deponiert. Die Zünder lösten zwar aus, die Bomben detonierten aber nicht, weil in den Gasflaschen kein explosionsfähiges Gemisch war.

El Hajdib wurde vom Oberlandesgericht Düsseldorf als Haupttäter zu lebenslanger Haft verurteilt. Der 20 Jahre alte Hamad wurde 2007 im Libanon für zwölf Jahre ins Gefängnis geschickt.

Sollte auch diesmal ein Terroranschlag geplant gewesen sein, so haben die Täter dem Anschein nach noch größere Fehler gemacht. Wie Griesbaum berichtete, wurden Zeugen auf die Tasche auch deshalb so schnell aufmerksam, weil blaue Drähte herausragten.

Obendrein war sie offen, so dass Kabel, längliche Behälter und einen Wecker sichtbar waren. Das klingt fast eher nach einem ganz bösen Witz. Doch viele gescheiterte Terroranschläge der vergangenen Jahre bezeugen, dass Fanatismus und Professionalität - glücklicherweise - nicht immer Hand in Hand gehen.

Allerdings ist in diesem Fall eben noch gar nicht geklärt, ob Islamisten überhaupt ihre Hände im Spiel hatten. Ein Verdacht gegen zwei einschlägig bekannte Bonner Islamisten hat sich zunächst nicht bestätigt. Die beiden Männer, die am Dienstag in Gewahrsam genommen worden waren, wurden noch am Abend wieder freigelassen.

Eine Panne der Polizei? Wohl nicht. Bei einer so großen Fahndung mit mehreren hundert Ermittlern sei es ganz normal, dass man alle Spuren verfolge und dann zwangsläufig viele davon erkalteten, hieß es am Mittwoch aus Polizeikreisen. Nur eine Spur von vielen könne sich schließlich als die richtige erweisen.

Die Polizei fahndet weiter nach jenem 1,90 Meter großen dunkelhäutigen Mann, der die Taschenbombe am Montag gegen 13 Uhr auf dem Bahnsteig von Gleis 1 abgestellt haben soll. Zwei Jugendliche haben ihn nach eigener Aussage dabei beobachtet.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter warnte am Mittwoch vor «medialen Schnellschüssen». Der stellvertretende Bundesvorsitzende Bernd Carstensen sagte der Nachrichtenagentur dpa: «Es könnte rein theoretisch so sein, dass auch Rechtsextremisten den Eindruck vermitteln wollten, Salafisten wollten den Bahnhof sprengen - nur als Hypothese.» Er habe es in seiner dienstlichen Tätigkeit oft genug erlebt, dass der erste Anschein getrogen habe.


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Autor
Christoph Driessen, dpa
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    12. Dezember 2012, 16:38 Uhr
    Aktualisiert:
    12. Dezember 2012, 19:04 Uhr