Interview zum Jahresrückblick: 'Schlecker war wie ein zweites Zuhause für mich'

Dortmund Am 5. Juni dieses Jahres beschließen die Schlecker-Gläubiger das endgültige Aus der Drogeriemarktkette. Eine der Betroffenen ist Gaby Wittig. Die Dortmunderin war 30 Jahre lang bei Schlecker beschäftigt. Wir sprachen mit der 52-Jährigen über die Höhen und Tiefen dieser Zeit.

  • Gabriele Wittig vor dem ehemaligen Schleckerladen.

    Gabriele Wittig vor dem ehemaligen Schleckerladen. Foto Menne

Frau Wittig, wie sind Sie zu Schlecker gekommen?
 
Ich hatte damals meinen Sohn bekommen und war zu Hause. Da habe ich zu einer Bekannten gesagt: Ich würde gerne ein paar Stunden die Woche arbeiten. Meine Bekannte war bei Schlecker. So habe ich am 5.7.1982 als Aushilfe angefangen. Acht Monate später war ich Filialleiterin.
 
Ein schneller Aufstieg.
 
Das war zu der Zeit so. Schlecker expandierte permanent und wenn man wollte und gute Arbeit ablieferte, konnte man schnell ein bisschen Karriere machen.
 
Wie war es damals bei Schlecker zu arbeiten?
 
Wir hatten ein großes Team, es war entspannt. Als die Mitbewerber stärker wurden und die Filialen zum Teil nicht mehr so rentabel waren, wurde das Personal weniger. Zum Schluss war es in einigen Läden so, dass man sich morgens und nachmittags die Klinke in die Hand gab. Die eine kam, die andere ging.
    

Wann haben Sie von der Schlecker-Pleite erfahren?
 
Als sie durch die Medien ging. Ich war gerade bei meinen Eltern, als mein damaliger Bezirksleiter anrief und sagte, ich solle den Fernseher einschalten. Kurz darauf ging im Sekundentakt mein Handy. Ich war Filialleiterin, aber als Betriebsrätin freigestellt. Trotzdem wusste ich von nichts. Es gab keine Vorwarnung vom Unternehmen.
 
Wie war danach die Stimmung in den Läden?
 
Der Großteil der Mitarbeiter war am Boden zerstört. Man hat versucht, sich gegenseitig Mut zu machen. Als der Insolvenzantrag dann offiziell eingereicht war, schwankte es bei den meisten zwischen Enttäuschung und Panik.

Was überwog bei Ihnen?
 
Die Enttäuschung. Und natürlich hatte ich Angst vor der Zukunft. Man weiß ja, dass man mit über 50 nicht mehr überall gerne gesehen ist.
 
Von wem waren Sie enttäuscht?
 
Von Familie Schlecker. Ich hätte mir gewünscht, dass man früher mit uns spricht. Ich glaube, vielen hätte es etwas bedeutet, wenn Anton Schlecker sich persönlich an die Mitarbeiter gewandt hätte, um zu sagen: Was da passiert ist, tut mir leid. Denn er hat’s ja mit verbockt.
 
Wie haben Sie das Ende des Unternehmens erlebt?
 
Ich habe drei Ausverkäufe mitgemacht. Ich habe erlebt, wie die Filiale, in der ich zehn Jahre gearbeitet habe, ausgeräumt wurde. Das war schon im Dezember 2011 – wegen zu geringer Umsätze. Darauf folgte die erste Insolvenz-Schließungswelle. Damals haben alle verbliebenen Kollegen gehofft, dass es doch noch irgendwie weitergeht. Doch dann kam das Aus für die restlichen Filialen. Also nochmal Ausverkauf und wieder Kollegen verlieren – der Horror. Ich habe an der Kasse gestanden und mich beschimpfen lassen.
 
Wieso das?
 
Auf dem Höhepunkt des Ausverkaufs wurden wir permanent beleidigt, weil es den Leuten in dem Gedränge nicht schnell genug ging. Die Läden waren wegen der Rabatte ja brechend voll. Schnäppchentouristen sind damals von einer Filiale zur nächsten gefahren.
 
Haben Sie auch andere Erfahrungen gemacht?
 
Ja. Es gab auch sehr nette Kunden, die gesagt haben, sie hoffen, dass wir alle schnell neue Jobs finden.
 
Wie ging es denn nach der Kündigung für Sie weiter?
 
Ich habe mich beim Arbeitsamt gemeldet, habe 17 Bewerbungen geschrieben, hatte zwei Vorstellungsgespräche und sonst nur Absagen.
 
Irgendwann hat es dann aber doch geklappt.
 
Ja. Seit dem 6. November arbeite ich als Verwaltungsangestellte bei Verdi. Die Stelle war ausgeschrieben. Für den Job pendele ich jetzt jeden Tag nach Düsseldorf. Das ich ihn bekommen habe, war wie ein Sechser im Lotto.
 
Haben Sie noch Kontakt zu alten Schlecker-Kolleginnen?
 
Zu einigen. Ich weiß zum Beispiel von vier Kolleginnen, die wieder im Handel arbeiten. Die meisten haben aber leider noch keinen neuen Job. Dabei hätte nach der Schlecker-Pleite eigentlich jeder Arbeitgeber mit den Hufen scharren müssen, weil so viele toughe Frauen auf den Markt kommen. Wir haben selbstständig gearbeitet, die Läden von vorne nach hinten umgebaut, geputzt – alles. Frau von der Leyen hat ja damals nach der Insolvenz große Töne gespuckt: Für die Schleckerfrauen werde es Umschulungen geben für Jobs in Kitas oder in der Altenpflege.
 
Hätten Sie sich das vorstellen können?
 
Für mich persönlich weniger. Mit 51 Jahren ist es nicht mehr mein Ding mit kleinen Kindern über den Teppich zu krabbeln. Wahrscheinlich käme ich irgendwann nicht mehr hoch. Ich glaube, Frau von der Leyen würde auch nicht wollen, dass wir nach einer Crash-Kurs-Umschulung ihre Kinder erziehen. Der Vorschlag war heiße Luft. Das Durchschnittsalter der entlassenen Schleckerfrauen lag bei Mitte 40. In dem Alter wechselt man normalerweise nicht mehr in die Pflege.
 
Kennen Sie denn jemanden, dem eine solche Umschulung angeboten wurde?
 
Nein. Die Arbeitsagentur darf so etwas ja auch höchstens über zwei Jahre finanzieren, das dritte Jahr muss man frei finanzieren lassen. Da wird es ja schon schwierig. Und selber finanzieren kann das ja keiner. Wovon auch?
 
Bereuen Sie es, bei Schlecker gearbeitet zu haben?
 
Nein. Nicht einen Tag. Man hat geschimpft, man hat geflucht, man hat gesagt: Da geh‘ ich nicht mehr hin. Aber man ist hingegangen. Schlecker war wie ein zweites Zuhause für mich. Ich wäre da in Rente gegangen.
Autor
Lisa Seiler
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    19. Dezember 2012, 06:00 Uhr
    Aktualisiert:
    19. Dezember 2012, 06:04 Uhr
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