Ex-Schalke Manager: Rudi Assauer - zuhause in einer eigenen Welt

HERTEN Als vor einem Jahr bekannt wurde, dass Rudi Assauer unter Alzheimer leidet, war die öffentliche Anteilnahme groß. Seitdem ist es still geworden um den Ex-Schake-Manager. Wir haben ihn zuhause in Herten besucht.

  • Rudi Assauer

Vor vier, fünf Wochen stand Reiner Calmund vor der Tür. Ohne Fotografen, ohne Kamerateam. Mit einem riesigen Tablett voller Kuchen. Nach dem Kaffeetrinken, so erzählt Tochter Bettina, saßen die beiden ehemaligen Lautsprecher der Liga allein im Wohnzimmer.

Ihr Papa auf seinem Lieblingsplatz, dem roten Sofa, Reiner Calmund im Sessel. Natürlich habe Calli das Wort geführt, habe erzählt und erzählt, eine Anekdote nach der anderen. Aber auch Rudi sei aus sich herausgekommen, zumindest ein bisschen, und sie hätten gesprochen über früher, über heute. Und über Themen, die keinen anderen etwas angehen.
 
Sie sind selten, ganz selten geworden, die Momente, da sich die Tür zum normalen Leben für Rudi Assauer einen Spalt breit öffnet. So wie am vorletzten Sonntag, als Bettina ihren Vater weckte und ihm sagte: „Du, die haben den Huub gefeuert.“ Da hielt es den 68-Jährigen, der gerne lange schläft, manchmal sogar bis mittags, nicht mehr im Bett. „Wir fahren sofort dahin und regeln das.“ Bettina konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten. „Den ganzen Tag über war er unruhig, lief im Haus herum.“
 
Haben die gespielt?
 
Rudi wollte seinem Freund Huub Stevens helfen, aber Alzheimer ist ein unbarmherziger, unschlagbarer Gegner. Sein Blick ist manchmal leer, hilflos, ratlos, wenn er gefragt wird. Der Versuch eines Gesprächs. „Schade, dass deine Schalker gestern im Pokal ausgeschieden sind, oder?“ Die Rückfragen kommen schleppend, leise, mit Pausen. „Haben die gestern gespielt? Gegen wen? Wie ist es ausgegangen?“ In diesem Augenblick bringt

Bettina die Kanne Kaffee ins Zimmer und sagt: „Ach, Papa, wir waren doch gestern Abend in der Arena.“
In der Arena, die er gebaut hat. In der endlich wieder ein lebensgroßes Bild des Ex-Managers hängt. Rudi Assauer im Zigarrenqualm, direkt daneben das Foto von Willi Koslowski. Der „Schwatte“, der dabei war, als die Königsblauen 1958 den letzten Meistertitel gewannen.

Der seinen Rudi vor dem Pokalspiel in den Arm nimmt, sich freut, dass es dem einstigen Macher auf Schalke besser geht als vor Monaten. „Wir haben die Tabletten dosiert, reduziert“, erklärt Bettina. „Seitdem fallen ihm die einfachen Dinge des Lebens wie das Rasieren wieder leichter. Er hat nicht mehr die große innere Unruhe, und er wirkt nicht mehr wie weggeschossen, völlig apathisch.“
 
Die 47-Jährige will ihren Vater vor dem Heim bewahren, hat ihn in ihrem gemütlichen Reihenhäuschen aufgenommen. In Herten, wo er als Junge mit seiner Mutter lebte, die ebenfalls an Alzheimer erkrankte, so wie sein 10 Jahre älterer Bruder Lothar, der im Pflegeheim betreut wird. Im Obergeschoss des Hauses hat Rudi Assauer sein Schlafzimmer. „Hier penne ich“, sagte er in der Dokumentation, die das ZDF im Februar sendete.

Es ist der Film, mit dem die Familie Assauer sich outete. Um endlich die Gerüchte über den Gesundheitszustand des einstigen Fußballers und Managers aus der Welt zu schaffen, um für den aufrichtigen Umgang mit Alzheimer zu werben. Um anderen Erkrankten und Angehörigen zu helfen.
 
24-Stunden-Job
 
Die Ohnmacht, die Sorge, die schleichende Resignation des Erkrankten, aber auch der liebevolle Umgang der Tochter und seiner ehemaligen Sekretärin Sabine Söldner mit dem Papa, mit dem Chef: Alles, was der Film andeutet, bewahrheitet sich im Alltag. Bettina Michel, uneheliche Tochter des ehemaligen königsblauen Alleinherrschers, hat „einen 24-Stunden-Job“, der keine Zeit für ein eigenes Leben lässt.

Doch die 47-jährige, zumindest nach außen hin eine Frohnatur und wie einst der Vater immer für einen flotten, frechen Spruch gut, hat die Aufgabe angenommen, „aber ich plane nur noch von Tag zu Tag“. Und freut sich über kleine, bewegende Momente. Am Abend nach ihrem Auftritt in Günther Jauchs Jahresrückblick hat sie den Vater angerufen, gefragt, wie er sie im Interview fand. Rudi Assauer antwortete: „Ich bin immer stolz auf Dich, aber heute ganz besonders.“
 
Im April 2012 wurde das Büro, die Agentur von Rudi Assauer, endgültig geschlossen. Sabine Söldner, seine ehemalige Sekretärin und Assistentin, eine resolute Frau mit Ruhrpott-Herz, ist immer da, wenn sie gebraucht wird. Sie kennt den Chef, seitdem er 1981 vor die Geschäftsstelle des FC Schalke 04 vorfuhr, mit einem riesigem schwarzen BMW, „ einem Schlachtschiff, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte“.

„Es ist die einzige Frau, die es 31 Jahre lang mit ihm ausgehalten hat“, scherzt Tochter Bettina. Was am Anfang schwerfiel. „Er kam die ersten Wochen ins Büro und sagte nur drei Worte: Guten Morgen, Tee“, erinnert sich die „Söldnersche“, wie Rudi seine ehemalige Mitarbeiterin nennt.

Nach drei Wochen platzte ihr der Kragen, in einem Wutausbruch beschwerte sie sich bei einem Kollegen über den neuen Manager. Was sie nicht wusste. Hinter ihr stand Rudi, hört bis zum Schluss zu, um dann die Hand auf ihre Schulter zu legen und zu fragen: „Bin ich wirklich so?“ Sabine Söldner: „Seitdem verstehen wir uns prächtig.“
 
Vor einigen Tagen, als sie vom Ägypten-Urlaub zurückkam, da wartete er auf sie an ihrer Haustür und sagte einen Satz, den sie ebenfalls nie vergessen wird: „Schön, dass du wieder da bist.“
 
Treue Eurofighter
 
Die „Söldnersche“ hat eine Liste von Namen im Kopf, im Computer. Menschen, denen Rudi Assauer geholfen hat. Bei nicht wenigen steht ein X hinter dem Namen, sie haben Geld vom Manager bekommen und es noch nicht zurückgezahlt. „Das sind die, die heute die Straßenseite wechseln, wenn sie uns kommen sehen“, sagt sie.
 
Besonders die Eurofighter, Europapokalsieger von 1997, halten zu ihm, besuchen ihn, bieten Hilfe an, so wie zuletzt Marc Wilmots in der Halbzeit des Pokalspiels. Huub Stevens, sein Freund und gefeuerter Jahrhunderttrainer der Schalker, kam vorbei, wenn es die Zeit erlaubte, und rief mindestens einmal pro Woche an.
 
Irgendjemand hat Rudi Assauer einen Adventskalender von Penthouse geschenkt. Doch der einst beliebteste Macho der Bundesliga hat keinen Blick für die drei leichtgekleideten Schönheiten auf dem Kalender, der auf dem Beistelltisch neben dem Sofa steht. Er ist allein mit sich und dem Kuchen, den seine Gäste mitgebracht haben.  
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Autor
Hermann Beckfeld
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    27. Dezember 2012, 20:37 Uhr
    Aktualisiert:
    31. Juli 2013, 11:32 Uhr