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28.12.2012 13:07 Uhr
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«Kann man davon leben?»: Hammerwurf-Trainer Deyhle

Frankfurt/Main (dpa) Mehr als eine Million mal in seinem Leben, hat Michael Deyhle einem Hammer hinterhergeschaut, den einer seiner Leichtathleten in den Himmel geschleudert hat. Im Wettkampf oder auf dem Übungsplatz.Von Ulrike John, dpa

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Michael Deyhle trainiert die Hammerwurf-Weltrekordlerin Betty Heidler. Foto: Rainer Jensen (Foto: dpa)

«Es ist ein schönes Bild, wie er fliegt. Wenn es eine wirklich gelungene Bewegung ist, dann empfinde ich das wie ein Kunstwerk.» Menschen wie der Hammerwurf-Bundestrainer halten den Sportbetrieb am laufen. Selbst im Mittelpunkt steht einer wie der 61-jährige Frankfurter, der Betty Heidler zum Weltrekord geführt hat, nur einmal im Jahr.

Wenn Heidler bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen das vier Kilo schwere Wurfgerät in die Hand nimmt und in den Käfig geht, dann ist die Fernsehkamera auch auf den Coach gerichtet. Deyhle sitzt dann auf der Tribüne möglichst nah an der Laufbahn und versucht wie alle seiner Kollegen möglichst gelassen und kompetent zu wirken, wenn er ein paar Erklärungen in das Mikrofon eines Reporters spricht - oder seinem Schützling ein paar Ratschläge zuruft. «Wenn es läuft, ist es ein Selbstläufer. Wenn es nicht läuft, muss man immer ruhig bleiben.»

Am 11. August läuft es gar nicht. Olympisches Hammerwurf-Finale in London: Heidler diskutiert wie wild mit den Kampfrichtern, die Zuschauer sind verwirrt. Ein Messfehler bringt die Mitfavoritin aus dem Gleichgewicht und fast aus dem Rennen, erst nach langem Hickhack werden ihre 77,12 Meter anerkannt: Bronze! Heidler rennt mit der schwarz-rot-goldenen Fahne eine späte Ehrenrunde. Eine Computerpanne, Michael Vesper, der deutsche Chef die Mission, spricht gar von einem «Skandal». Am meisten leidet Deyhle. «Das war extrem unangenehm», erinnert er sich, «da ist mir das ganze Jahr durch den Kopf gegangen.»

Am Tag danach sitzt Deyhle im Deutschen Haus, unauffällig zwischen den Journalisten. Heidler schildert bei der Pressekonferenz noch einmal die ganze Aufregung, ihr Trainer sagt danach leise: «Schreiben Sie doch auch mal was über Kathrin. Sie hat den Wettkampf ihres Lebens gemacht.» Kathrin Klaas ist ebenfalls eine Weltklasse-Hammerwerferin. Bei den Sommerspielen glänzt sie mit der persönlichen Bestleistung vonn 76,05 Metern - Platz fünf. Wie schon in über 100 Wettkämpfen zuvor unterliegt sie auch ihrer Frankfurter Clubkollegin Heidler. Erst einmal hat sie gegen sie gewonnen in neun Jahren.

Bei der Europameisterschaft im Juni in Helsinki bekommt Klaas die Riesenchance auf das zweite Mal: Heidler scheitert völlig überraschend in der Qualifikation - «ein technischer Fehler», erklärt sie später. Klaas wird Vierte, wieder keine Medaille. Beim Saisonauftakt zuvor in Eugene/USA erlebt Deyhle einen Albtraum. Auch das kann Hammerwurf sein, diese kraftvolle, technisch so anspruchsvolle Disziplin: Klaas hebelt es bei einem Wurf aus, sie stürzt schwer, muss am Kopf und Ellbogen genäht und geklammert werden. Wochenlang plagen sie Schwindelgefühle: «Ich konnte nicht mehr geradeaus aus dem Ring gehen.»

Vor einigen Wochen hat sich Klaas nach neun Jahren von Deyhle verabschiedet und wird jetzt von Helge Zöllkau in Leverkusen betreut. «Ich habe in der Gruppe zuletzt meine Aufgaben nur noch abgearbeitet», sagt sie und spricht von Differenzen. «Ich muss es einfach hinnehmen», sagt ihr Coach. «Ich versuche, zu jedem Athleten eine Vertrauensbasis aufzubauen. Das hat bei Betty von Anfang an besser geklappt als bei Kathrin.»

Bei den Übungseinheiten sitzt Deyhle oft auf einer Bank, wenn er die Würfe seiner Sportlerinnen beobachtet. Mit den Kommentaren können Außenstehende wenig anfangen: «Den Kopf im Eingang länger stehen lassen. Ein bisschen zu spät die Ferse gebracht. Das Aufziehen war gut.» Seit 32 Jahren ist Deyhle, ein ehemaliger Leichtgewichtsruderer, Leichtathletik-Trainer. Er kämpft wie seine Athletinnen einen oft zermürbenden Kampf um mehr Anerkennung. Wer wirft schon mit einer Kugel an einem Stahlseil um sich? Und warum? Er kennt die Kommentare zu genüge.

Oksana Menkowa aus Weißrussland, Olympiasiegerin von Peking 2008, erklärte mal: «Meine Mutter freut sich mittlerweile für mich. Aber ab und an sagt sie, es sei für eine Frau besser, nach den Kindern zu schauen, als irgendwelche Metalldinger durch die Gegend zu werfen.» Aus normalen Sportfesten sind die Frauen und Männer mit dem schweren Eisen meist ausgeschlossen. Auch 2013 und 2014, so Zürichs Meeting-Chef Patrick Magyar, wird das Hammerwerfen nicht in die Diamond League aufgenommen. Der Schweizer beklagt, dass dafür so extrem hohe Käfige aufgebaut werden müssen, die den Zuschauern auch noch die Sicht versperren. Und er fürchtet um seine Rasenheizung: «Wenn die beschädigt wird, reden wir von sechsstelligen Reparaturkosten.»

2000 in Sydney war für die Frauen Olympia-Premiere. Deyhles Schützling Kirsten Münchow gewinnt Bronze. Klaas sagt: «Leichtathletik ist Vielfalt und nicht einfach nur Sprint.» Es gebe ein großes Nachwuchsproblem. In Schweden, erzählt sie, gab es einen Wettkampf mit fluoreszierenden oder brennenden Hämmern. «Es ist ein bisschen martialisch, aber es sieht gut aus.»

Heidler war einmal Weltmeisterin, zweimal Vize-Weltmeisterin, einmal Olympia-Zweite. Im Mai 2011 wirft sie das Gerät auf bis heute nie erreichte 79,41 Meter hinaus. Die rothaarige Sportlerin ist eine der bekanntesten deutschen Leichtathleten - als Hammerwerferin. «Mein Traum ist, dass sie als erste die 80-Meter-Marke knackt», sagt Deyhle. Und er möchte die nächste Generation an Werferinnen aufbauen.

In diesem Jahr hat er zum ersten Mal eine Prämie bekommen - nach 32 Jahren im Geschäft. Wenn er jemand erzählt, dass er Hammerwurf-Trainer ist, komme immer die gleiche Frage: «Kann man davon leben?» Seine Antwort: «Ja, man kann davon leben, aber nicht gut.» Wer glaube, ein hauptamtlicher Bundestrainer wie er habe ein Gehalt wie ein Gymnasiallehrer, der täusche sich.

Herbert Czingon, in die Schweiz abgewanderter früherer leitender Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und Gründer der Trainerschule in Mainz, sagte kürzlich in der «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: «Das Sozialprestige des Trainers steigt, wenn er im Profibereich tätig ist, im Fußball, im Tennis, im Golf, oder wo es sehr spektakulär zugeht, etwa beim Skispringen. Ansonsten wird der Trainerberuf nicht wirklich als gefestigtes Berufsbild wahrgenommen.» Bruttogehälter von 2000 Euro und weniger sind ihm bekannt.

Czingon beklagt auch, dass es keine Solidarität unter Trainern gebe, keinen Korpsgeist. «Schließlich steht der Sport unter dem obersten Prinzip der Konkurrenz.» Es gibt auch keine Gewerkschaft. In Köln wird jetzt aber eine Trainerorganisation gegründet, der Deyhle beitreten will. Der Experte der LG Eintracht Frankfurt ist auch Sprecher der verantwortlichen DLV-Trainer. «Es gibt da ein klares Defizit», sagt er. «Herbert Czingon hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Trainer-Situation in Deutschland ist bescheiden.»

In Kalifornien erholt sich Deyhle zur Zeit von einem anstrengenden und aufregenden Jahr. Am 4. Januar geht's ins Trainingslager nach Kienbaum. «Da ist es schon ein bisschen trostlos», sagt er. Alltag, kein Olympia. Die WM ist erst im August in Moskau. Dann ist er wieder im Fernsehen zu sehen, wenn Heidler den Hammer rausholt.

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