Serie "Schön hier!": Bentlage: Seit 1000 Jahren hier

KREIS STEINFURT/RHEINE Die Mauern des Klosters Bentlage haben in ihrer fast 1000-jährigen Geschichte viele Fürste und Bischöfe kommen und gehen sehen. Und als deren Zeit abgelaufen war, fiel das Gemäuer in einen tiefen Dornröschenschlaf. Die bewegte Geschichte eines der schönsten Orte im Kreis Steinfurt.

  • Blick durchs Eingangstor Kloster Bentlage: Urkunden belegen die Existenz der Anlage bis ins Jahr 1022.

    Blick durchs Eingangstor Kloster Bentlage: Urkunden belegen die Existenz der Anlage bis ins Jahr 1022. Foto: Fühner

In einer Urkunde aus dem Jahre 1439 ist verbrieft, dass die edle Frau Reinmod, Verwandte des Grafen von Cappenberg, bereits im Jahre 1022 sieben Kirchen, darunter eine in „Buntlagi“, verschenkte. In diesem Schriftstück wurden auch die Besitzungen „Solthues“, „Soltkamp“ und „Soltkoten“ (Siedehütten) als Teil der Kirchenschenkung genannt. Eigentümerin der Besitzung wurde die im Rahmen der Schenkung gegründete und der heiligen Gertrudis gewidmete Bentlager Pfarrkirche.

"Die Lieblichkeit des Flusses"

Etwa 200 Jahre später entzog die Regierung des Bischofs in Münster der kleinen Kirche die Pfarrerlaubnis und übernahm kurzerhand auch noch den dazugehörigen Hof „Niederbentlage“ samt Salzgruben und Salzwerk. Das hielt die Kreuzbrüder aus Beyenburg jedoch nicht davon ab, um 1430 von Wuppertal nach Rheine zu kommen, um Almosen zu sammeln; denn sie waren von der herrlichen Lage der kleinen Gertrudis-Kapelle und der Schönheit des Ortes sowie „der Lieblichkeit des Flusses“ so angetan, dass sie hier ein Kloster errichten wollten.


Im Jahre 1437 wurden ihre Gebete erhört: Der Bischof von Münster, Heinrich II. von Moers, verkaufte den Ordensbrüdern, die sich Ende des 15. Jahrhunderts Kreuzherren nannten, die Gertrudis-Kapelle und den „Nederhoff to Bentlage“ mit den dazugehörigen Besitzungen „Solthues“, „Soltkamp“ und „Soltkoten“ sowie den Salzgruben, den Salzbrunnen und dem Salzwerk für 2600 Rheinische Goldgulden. Außerdem „versüßte“ der Bischof die Kaufentscheidung des Ordens mit der Zusage, Salz produzieren zu dürfen und gestattete den Mönchen außerdem, die Kapelle in ein Kloster umzuwandeln.

Die Kreuzbrüder hatten alle Hände voll zu tun, um sich am Ufer der Ems „über Wasser“ zu halten. Erst der Erwerb umfangreicher Ländereien und das Recht, in der Ems fischen zu dürfen, verschaffte dem Kreuzbruderorden im Verlaufe der Jahre die Grundlage für eine wirtschaftliche Gesundung. Im Jahr 1463 konnte sogar der erste Grundstein für die Errichtung eines Klostergebäudes gelegt werden.

Verheerender Brand

Einen lückenlosen Überblick über die einzelnen Bauphasen des dreiflügeligen Klostergebäudes vermittelt eine über dem Hauptportal des Westflügels angebrachte Schrifttafel: „Zum höheren Ruhm Gottes und zur Ehre des heiligen Kreuzes ist der nach Osten gelegene Flügel dieses Klosters erbaut worden von 1463 bis 1466, die Kirche mit dem seitlichen Anbau von 1468 bis 1484, der nach Norden gelegene Flügel von 1499 bis 1504. Dieser aber (der Westflügel) begann errichtet zu werden am Tage nach Peter und Paul; vollendet wurde er 1657, nachdem alles im
Jahre 47 von den Schweden in Brand gesetzt und anschließend wieder aufgebaut worden war“.

Im Jahre 1803 wurde das Fürstbistum Münster nach Beschluss des „Reichsdeputationshauptschlusses“ als Staat verabschiedet – die Kreuzherren mussten ihr Kloster verlassen. Rheine wurde Residenzstadt eines richtigen Fürstentums, das sich „Rheina-Wolbeck“ nannte. Neuer Landesherr war Herzog Joseph Arnold von Looz-Corswarem. Er erhielt aufgrund entstandener Gebietsverluste im belgischen Raum das 556 Quadratkilometer große und 25 000 Einwohner zählende Fürstentum. Und als dem Herzog nach der Säkularisierung auch der gesamte Besitz der Mönche des Klosters Bentlage übereignet wurde, da nannte er seine Residenz „Schloß Bentlage.“

Nach nur dreieinhalb Jahren wurde das Duodez-Fürstentum 1806 durch den von zahlreichen deutschen Fürsten geschlossenen „Rheinbund“ dem Großherzogtum Berg einverleibt. Bis zum Jahr 1946 war das Schloß im Besitz der Familie Looz-Corswarem. Als der letzte Herzog Karl Emanuel 1946 starb, erbte sein Neffe Baron von Boegaerde-Terbrugge-Heerswijk die ehemalige Residenz, die im Jahr 1978 mit den dazugehörigen Kunstwerken, den Wirtschaftsgebäuden und dem Bauernhaus sowie dem umliegenden Bentlager Wäldern von der Stadt Rheine erworben wurden.

Beginnender Verfall

Bis zu diesem Zeitpunkt wuchs und wucherte am ehemaligen Kreuzherrenkloster vieles gegen jede Vorschrift. Die vielfältigen Zeichen eines beginnenden Verfalls gehörten aber der Vergangenheit an, als die Stadt Rheine, das Land Nordrhein-Westfalen, zahlreiche Behörden und ein aktiver Förderverein Hand in Hand arbeiteten, um mit viel Idealismus, Sorgfalt und Geduld eine fachgerechte Renovierung und Nutzung des als Kunst- und Kulturdenkmal ersten Ranges bezeichneten „Kloster/ Schloß Bentlage“ zu ermöglichen. Bei der Restaurierung wurden Altersspuren bewusst erhalten, so dass die geschichtliche Entwicklung am Klostergebäude ablesbar bleibt.

Im Kloster Bentlage hat die 1965 in Rheine gegründete Europäische Märchengesellschaft ihren Sitz. Neben der Märchengesellschaft beherbergt das Kloster die „Westfälische Galerie“, in der die Entwicklung der Moderne in Westfalen seit 1900 mit bedeutenden Arbeiten aus den Beständen des Westfälischen Landesmuseums dokumentiert wird. Ein weiteres Museum im Kloster birgt Sammlungen, die eindrucksvoll die Kunst- und Kulturgeschichte Westfalens vom Mittelalter bis heute dokumentieren. Ferner werden Dokumente aus dem ehemaligen Kreuzherrenkloster und dem späteren Schloss gezeigt.

Der zum Kloster Bentlage gehörende alte Wirtschaftshof, die „Ökonomie“, bietet ideale Freiräume, um neue Ideen im Bereich Kunst und Kultur zu realisieren - sie hat sich zu einem wichtigen Zentrum für zeitgenössische Kunst im Münsterland entwickelt. Nicht zu vergessen die „Druckvereinigung Bentlage“, die seit 1998 im ehemaligen Bauernhaus eine im In- und Ausland anerkannte Werkstatt für künstlerische Drucktechniken betreibt.

Das Kloster Bentlage ist eines der schönsten gotischen Klosteranlagen Westfalens - ein Kleinod in einer weitgehend intakten, historisch gewachsenen Kulturlandschaft am Ufer der Ems inmitten des Bentlager Naherholungsgebietes. Hier kann man die Hektik des Alltags vergessen, in Ruhe seinen Gedanken nachhängen und im Sinne der Kreuzherren „mit Gott und der Welt“ zufrieden sein.

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Autor
unserem Gastautor Herbert Fühner
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    14. September 2012, 17:27 Uhr
    Aktualisiert:
    19. September 2012, 10:01 Uhr
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