Nach Jubiläumsjahr: Vinzenzwerk Handorf bereitet sich auf die Zukunft vor

HANDORF Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, Missbrauchsvorwürfe aus den 50er- und 60er-Jahren, aber auch jede Menge Ehemalige, die gerne zurückgekommen sind: Das Vinzenzwerk Handorf feierte im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag. Stehen bleiben in der Vergangenheit möchten Heimleiterin Schwester Mechthild Knüwer und Verwaltungsleiterin Karin Dorgeist allerdings nicht.

  • Die 100 Jahre sind geschafft: (v.l.) Verwaltungsleiterin Karin Dorgeist und Heimleiterin Schwester Mechtild Knüwer befassen sich in den nächsten Wochen auch mit der Zukunft des Vinzenzwerks. In den kommenden Jahren spielt das Thema Kindermitbestimmung eine große Rolle in dem Handorfer Kinderheim.

    Die 100 Jahre sind geschafft: (v.l.) Verwaltungsleiterin Karin Dorgeist und Heimleiterin Schwester Mechtild Knüwer befassen sich in den nächsten Wochen auch mit der Zukunft des Vinzenzwerks. In den kommenden Jahren spielt das Thema Kindermitbestimmung eine große Rolle in dem Handorfer Kinderheim. Foto: Andreas Jankowiak

Die Handorfer Einrichtung soll vielmehr „fit für die nächsten 100 Jahre“ gemacht werden. Im nächsten halben Jahr sollen die ersten Schritte in diese Richtung gemacht werden. Dabei sind die Erinnerungen an das Jubiläumsjahr noch frisch. Noch immer sind Knüwer und Dorgeist hin und weg von einem Kurzbesuch im Disneyland Paris im Herbst.

Zwei Nächte und einen Tag waren 200 Kinder und Mitarbeiter mit vier Bussen unterwegs. Der Friseur Jens Sonnabend hatte reichlich Spenden gesammelt, um diese Reise zu ermöglichen. „Wir haben gesehen, dass es nicht unmöglich ist, mit so vielen Leuten wegzufahren“, sagt Dorgeist.

Von vielen Kindern habe es nachher die Rückmeldung gegeben: Jetzt weiß ich erst einmal, wer alles im Vinzenzwerk wohnt. Denn auch die Bewohner der Außenwohngruppen aus Hiltrup, Telgte, Westbevern und Münster machten sich mit auf den Weg in den Vergnügungspark.

In der Einrichtung am Flugplatz gibt es eine Gruppe für Grundschul- und Vorschulkinder und eine Fünf-Tage-Gruppe, deren Kinder jedes Wochenende zu Hause bei den Eltern sind. „Da brauchen wir die Eltern als Partner. Es soll ja nicht das, was wir in fünf Tagen versuchen aufzubauen in zwei Tagen plattgemacht werden“, sagt Knüwer und lacht.

Eltern als Partner

Die Eltern seien inzwischen immer mehr zu Partnern geworden. Der Besuchskontakt zwischen Eltern und Kindern habe zugenommen. Inzwischen gibt es sieben Besuchsräume. Waren es früher mehr oder weniger Konferenzräume, so haben sie jetzt ihren eigenen Charakter. Dort kann zum Beispiel Billard gespielt, gekickert oder gemeinsam gekocht werden. Ein achter Raum entsteht gerade.

Die Geschichte des Kinderheims hat auch ihre dunklen Ecken. Im März 2010 tauchten erste Missbrauchsvorwürfe von Bewohnern auf, die in den 50er- und 60er-Jahren dort gelebt hatten. Das war lange vor der Zeit von Mechthild Knüwer, die seit 13 Jahren im Vinzenzwerk arbeitet und seit 2000 das Heim leitet.

Auch Karin Dorgeist leitet die Heimverwaltung erst seit anderthalb Jahren. Nichtsdestotrotz sind die beiden bemüht, offen mit der Vergangenheit umzugehen, bieten Unterstützung an und gewähren auch Einblicke in die Akten. Die ehemaligen Pädagogen seien mittlerweile alle gestorben, so Knüwer. „Es waren auch Menschen, die uns verklagen, auf dem Sommerfest.

Es ist ja nicht so, dass es nicht mehr geht“, erzählt Knüwer. Erst kurz vor Weihnachten habe jemand nachgefragt, ob er seine Akte aus den 60er-Jahren sehen dürfe. „Ihm ging es dabei allerdings nicht um Missbrauch, sondern darum, eine Lücke in seinem Lebenslauf zu füllen“, sagt Knüwer. Auch das sei wichtig.

Die Bedeutung von Kinderrechten nimmt zu. Das hat man in der Heimleitung längst erkannt. So ist auch die Kindermitbestimmung ein großes Thema in der Zukunft. „Wir führen ein Beschwerdemanagement für Kinder ein“, sagt Dorgeist. Es soll eine externe Instanz eingerichtet werden, die unabhängig von den Betreuern ist. Auch ein Kinder- und Jugendparlament wurde ins Leben gerufen, um den Kindern die Möglichkeit zu geben, sich für ihre Belange einzusetzen.

Film über den Alltag

Die Kinder hatten im Jubiläumsjahr mit einer Regisseurin einen Film über den Alltag in der Einrichtung gedreht. Auch da hat sich die Heimleitung herausgehalten. Die jungen Heimbewohner sollten sich authentisch äußern und nicht reglementiert werden.

In 50 Jahren könne man sich diesen Film als zeitgeschichtliches Dokument anschauen. „Dann sieht man: Das haben die Kinder, die bei uns gewohnt haben, über uns erzählt“, sagt Knüwer.
Autor
Andreas Jankowiak
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    2. Januar 2013, 18:08 Uhr
    Aktualisiert:
    2. Januar 2013, 18:08 Uhr
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