Tanz-Premiere von "Ein Sommernachtstraum": Shakespeare auf Droge

MÜNSTER Manche sehen die Mutter Gottes auf einem Toastbrot, wenn sie high sind. Lysander sieht das Liebesspiel zweier Schnecken. Die Zwitterwesen paaren sich – und seine sexuelle Orientierung ist erstmal futsch. Münsters Tanzchef Hans Henning Paar inszeniert „Ein Sommernachtstraum“ im Kleinen Haus des Theaters als drogenschwere Party.

  • Puck als Mohnblume (Tommaso Balbo), Titania (Anna Caviezel) und der Schüchterne (Adam Dembczynski)

    Puck als Mohnblume (Tommaso Balbo), Titania (Anna Caviezel) und der Schüchterne (Adam Dembczynski) Foto: Pedro Malinowski

Die Gäste erweitern ihr Bewusstsein und finden dabei Sex, Liebe und sich selbst. Die Kostüme mit psychedelischen Mustern und Schlaghosen von Isabel Kork weisen in die 60er und 70er Jahre, das Partyvolk tanzt passend zum „Alabama Song“ von den Doors, sogar bei Benny Goodmans „Sing Sing Sing“ rockt das Haus, auch wenn das damals schon ein Oldie war. Der Shakespeare beginnt am Samstagabend voller Energie und doch so lässig wie bei John Travolta. Hello Saturday Night Fever! Hello Grease!

Erst beim Klammerblues schälen sich die Paare und damit die Probleme heraus. Lysander und Hermia kriechen fast in sich hinein. Helena bespringt fanatisch verliebt Demetrius, der sie aber brutal zurückstößt, um sich mit der gleichen Kraft Hermia zu schnappen. Ein klassisches Quartett, sehr homogen und klar in seiner erzählerischen Struktur von Paar umgesetzt.

Puck mit Mohnblume

Der Puck ist mit Lederhose, Fellweste, nacktem Oberkörper und schwarz geschminkten Augen eine Art Mick Jagger: der personifizierte Sex Appeal, das Begehren, das Verbotene, der Verführer schlechthin. Kein Wunder, dass seinem saloméhaften Tanz mit Mohnblumenhut und rotem Glitter alle verfallen. Biologisch streng genommen ist der Klatschmohn zwar gar kein Drogenlieferant, auf jeden Fall aber ein Symbol der Liebe. Und Liebeshormone wirken ähnlich berauschend. Bei den üppigen Papp-Pflanzen, die im Kleinen Haus nach und nach von der Decke wuchern (Bühne: Hanna Zimmermann) ist gewiss auch ein Hanfblättchen dabei. Den schüchternen Partygast enthemmt das Gemisch jedenfalls komplett: Er entpuppt sich als behaartes Sexmonster. So erzählt Paar ganz nebenbei von Titania, die sich dem verzauberten Esel hingibt.

Spaß am Detail

Es ist eine Freude zu sehen, wie leicht Paar auf Shakespeares Worte verzichten kann und die Geschichte zur Bewegung transformiert. Er inszeniert schön anzuschauende, märchenhafte Bilder, die eher mit Freud als mit Grimm zu tun haben, setzt mit Licht klare Akzente, schwelgt in Farben und Stoffen – Glitzer, Jeans, Fell, Plüsch, Leder, Fransen, Samt. Hier ist alles bis ins kleinste Detail stimmig. Schon allein das macht Spaß.

Choreografisch nutzt er klassische Elemente, lugt zum Musical und zum Tanzfilm, kreiert viele Hebefiguren und setzt auf synchrone Ensembleszenen. Das schönste Liebesduett gönnt er allerdings Oberon und Titania – den Hausherren. Denn das aus den wilden Träumen und Visionen erwachende Quartett ist so ernüchtert, als könnten sie zum ersten Mal wirklich sehen. In der Liebe müssen sie sich ganz neu formieren.
Ein großes Lob an das Tanzensemble für diese herausragende Leistung. Und ein Extra-Lob an Jonas Nondorf, der den Drogenrausch mit einer Live-Percussion so erfahrbar macht, als hätte man selbst ein wenig Blütenstaub abbekommen. Sabine Müller
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